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Vatikan-Erklärung von 1986 |
[Letzte Aktualisierung: 04.02.2005 ] |
Der folgende Text vom 30. Oktober 1986 ist die ausführlichste offizielle Stellungnahme aus dem Vatikan zur Homosexualität. Auch wenn es vielerorts auch in der römisch-katholischen Kirche Anzeichen einer Änderung bei der Basis und bei Theologen gibt, ist dies doch, von der Amtskirche aus gesehen, der verbindliche Text, an dem sich auch spätere Texte (z.B. die einschlägigen Passagen des Weltkatechismus) orientieren.
Wiedergegeben nach dem vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz herausgegebenen Text.
An English language version is available online on the web site of Dignity USA.
1. Das Problem der Homosexualität und der moralischen Beurteilung homosexueller Handlungen ist in zunehmendem Maße zu einem Thema der öffentlichen Debatte geworden, auch in katholischen Kreisen. Daß in dieser Diskussion oft Argumente vorgebracht und Positionen bezogen werden, die der Lehre der katholischen Kirche nicht entsprechen, hat die berechtigte Sorge all derer wachgerufen, die in der Seelsorge tätig sind. Diese Kongregation ist daher zu dem Urteil gekommen, daß das Gewicht und die Verbreitung des Problems es rechtfertigen, dieses Schreibenüber die Seelsorge für homosexuelle Personen an alle Bischöfe der katholischen Kirche zu richten.
2. Eine erschöpfende Behandlung dieses komplexen Themas kann selbstverständlich
an dieser Stelle nicht unternommen werden; vielmehr wird
sich die Aufmerksamkeit eher auf den besonderen Zusammenhang der
Sichtweise katholischer Moral konzentrieren. Diese hat durch die gesicherten
Ergebnisse der Humanwissenschaften Bestätigung und Bereicherung erfahren,
welche ihr eigenes Forschungsgebiet und ihre eigene
Methode haben, die sich berechtigter Autonomie erfreuen.
Der Standpunkt der katholischen Moral fußt auf der menschlichen Vernunft,
die durch den Glauben erleuchtet und von der bewußten Absicht
geleitet ist, den Willen Gottes, unseres Vaters, zu erfüllen. Auf diese
Weise befindet sich die Kirche zum einen in der Lage, von den wissenschaftlichen
Forschungsergebnissen lernen zu können, zum anderen aber
auch, deren Gesichtskreis zu übersteigen. Sie ist sich dessen sicher, daß
ihre umfassendere Sicht die komplexe Wirklichkeit der menschlichen
Person achtet, die in ihren geistigen wie körperlichen Dimensionen von
Gott geschaffen und dank seiner Gnade zum ewigen Leben berufen ist.
Nur innerhalb dieses Zusammenhangs läßt sich klar erkennen, in welchem
Sinn das Phänomen der Homosexualität, so vielschichtig und folgenreich
es für Gesellschaft und kirchliches Leben auch ist, ein Problem darstellt,
das die pastorale Sorge der Kirche im eigentlichen Sinne betrifft. Das
macht seitens der Seelsorger ein sorgfältiges Studium sowie einen konkreten
Einsatz und eine redliche Reflexion erforderlich, die theologisch wohl
abgewogen sein sollten.
3. Schon in der Erklärung zu einigen Fragen der Sexualethik vom
29. Dezember 1975 hat die Kongregation für die Glaubenslehre dieses
Problem ausführlich behandelt. Dieses Dokument unterstrich die Aufgabe,
ein Verstehen der homosexuellen Veranlagung zu suchen, und
bemerkte, die Schuldhaftigkeit homosexueller Handlungen müsse mit
Klugheit beurteilt werden. Gleichzeitig trug diese Kongregation der
gemeinhin vorgenommenen Unterscheidung zwischen homosexueller
Veranlagung bzw. Neigung und homosexuellen Handlungen selbst Rechnung.
Letztere wurden als ihrer wesentlichen und unerläßlichen Zielbestimmtheit
beraubt beschrieben, als in sich nicht in Ordnung und von
der Art, daß sie keinesfalls in irgendeiner Weise gutgeheißen werden
können (vgl. Nr. 8, Abschnitt 4).
In der Diskussion, die auf die Veröffentlichung der Erklärung folgte,
erfuhr die homosexuelle Veranlagung jedoch eine über die Maßen wohlwollende
Auslegung; manch einer ging dabei so weit, sie als indifferent
oder sogar als gut hinzustellen. Demgegenüber muß folgende Präzisierung
vorgenommen werden: Die spezifische Neigung der homosexuellen Person
ist zwar in sich nicht sündhaft, begründet aber eine mehr oder weniger
starke Tendenz, die auf ein sittlich betrachtet schlechtes Verhalten ausgerichtet
ist. Aus diesem Grunde muß die Neigung selbst als objektiv
ungeordnet angesehen werden.
Deshalb muß man sich mit besonderem seelsorglichem Eifer der so
veranlagten Menschen annehmen, damit sie nicht zu der Meinung verleitet
werden, die Aktuierung einer solchen Neigung in homosexuellen
Beziehungen sei eine moralisch annehmbare Entscheidung.
4. Eine wesentliche Dimension echter Seelsorge ist es, die Ursachen der Verwirrung bezüglich der Lehre der Kirche auszumachen. Eine dieser Ursachen besteht in einer neuen Auslegung der Heiligen Schrift, wonach die Bibel überhaupt nichts über die Homosexualität sage oder sie irgendwie stillschweigend billige; oder wonach sie schließlich moralische Weisungen biete, die so sehr Ausdruck einer bestimmten Kultur und Geschichte seien, daß diese auf das Leben von heute nicht mehr anwendbar seien. Solche Ansichten, die zutiefst irrig und abwegig sind, erfordern daher besondere Wachsamkeit.
5. Es stimmt, daß die biblische Literatur den verschiedenen Epochen, in
denen sie geschrieben wurde, einen guten Teil ihrer unterschiedlichen
Denk- und Ausdrucksmuster verdankt (vgl. Dei Verbum, Nr. 12). Sicherlich
verkündigt die Kirche heute das Evangelium an eine Welt, die sich
von der früheren sehr unterscheidet. Andererseits war die Welt, in der das
Neue Testament geschrieben wurde, bereits beträchtlich von der Situation
verschieden, in der beispielsweise die Heiligen Schriften der Israeliten
abgefaßt oder redigiert worden sind.
Folgendes ist dennoch festzuhalten: Im Rahmen solch bemerkenswerter
Verschiedenheit existiert in den Schriften selbst eine klare innere Einheit
hinsichtlich der Frage des homosexuellen Verhaltens. Deshalb gründet
sich die Lehre der Kirche in diesem Punkt nicht auf aus dem Zusammenhang
gerissene Sätze, aus denen man fragwürdige theologische Argumente
ableiten kann; vielmehr fußt sie auf dem soliden Fundament eines
beständigen biblischen Zeugnisses. Die heutige Glaubensgemeinschaft,
die in ungebrochener Kontinuität mit den jüdischen und christlichen
Gemeinschaften steht, innerhalb derer die alten Schriften verfaßt wurden,
wird weiter von den gleichen Schriften und vom Geist der Wahrheit
genährt, dessen Wort sie sind. Es ist gleicherweise wesentlich anzuerkennen,
daß die Heiligen Schriften nicht in ihrem eigentlichen Sinne verstanden
werden, wenn sie in einer der lebendigen Tradition der Kirche
widersprechenden Weise ausgelegt werden. Die Interpretation der Schrift
muß, wenn sie korrekt sein will, mit dieser Tradition in wirklicher
Übereinstimmung stehen.
Das II. Vatikanische Konzil hat es so ausgedruckt: Es zeigt sich also, daß
die Heilige Überlieferung, die Heilige Schrift und das Lehramt der Kirche
gemäß dem weisen Ratschluß Gottes so miteinander verknüpft und
einander zugesellt sind, daß keines ohne die anderen besteht und daß alle
zusammen, jedes auf seine Art, durch das Tun des einen Heiligen Geistes
wirksam dem Heil der Seelen dienen (Dei Verbum, Nr. 10). Im Licht
dieser Aussagen wird nun die diesbezügliche Lehre der Bibel in kurzer
Form dargestellt.
6. Die Schöpfungstheologie, wie sie im Buch Genesis vorliegt, bietet für
das angemessene Verstehen der durch die Homosexualität aufgeworfenen
Probleme den grundlegenden Gesichtspunkt. In seiner unendlichen Weisheit
und in seiner allmächtigen Liebe ruft Gott alles ins Dasein, als
Ausdruck seiner Güte. Er erschafft den Menschen als Mann und Frau
nach seinem Abbild und Gleichnis. Deshalb sind die Menschen Gottes
Geschöpfe und dazu berufen, in ihrer geschlechtlichen Bezogenheit aufeinander
die innere Einheit des Schöpfers widerzuspiegeln. Sie tun dies in
einzigartiger Weise in ihrer Mitwirkung mit ihm bei der Weitergabe des
Lebens, und zwar im Akt des gegenseitigen Sich-Schenkens in der Ehe.
Das dritte Kapitel der
Genesis
zeigt, wie diese Wahrheit über die menschliche Person,
die Gottes Abbild ist, durch die Erbsünde verdunkelt
worden ist. Hieraus folgt unausweichlich ein Verlust an Bewußtsein des
Bundescharakters der Gemeinschaft, die diese Personen mit Gott und
untereinander besaßen. Der menschliche Leib behält zwar seine bräutliche
Bedeutung, die aber nun durch die Sünde verdunkelt ist. So setzt sich
die der Sünde zuzuschreibende Entartung fort in der Geschichte von den
Männern von Sodom (vgl. Gen 19, 1-11). Das moralische Urteil, das hier
gegen homosexuelle Beziehungen gefällt wird, kann keinem Zweifel
unterliegen. In Lev 18,22 und 20,13 schließt der Verfasser bei Beschreibung
der notwendigen Voraussetzungen, um zum auserwählten Volk
Israel zu gehören, diejenigen aus dem Volk Gottes aus, die sich homosexuell
verhalten.
Auf dem Hintergrund dieses theokratischen Gesetzes entfaltet der heilige
Paulus eine eschatologische Perspektive, innerhalb derer er die gleiche
Lehre wiederaufnimmt und auch jene, die sich homosexuell verhalten,
unter die Menschen einreiht, die das Reich Gottes nicht erben werden
(vgl. 1. Kor 6,9). In einem anderen Abschnitt seiner Briefsammlung stellt
er - fußend auf den Moralüberlieferungen der Vorfahren, die er aber in
den neuen Zusammenhang der Auseinandersetzung zwischen Christentum
und damaliger heidnischer Gesellschaft einbringt - das homosexuelle
Verhalten als ein Beispiel für die Blindheit hin, welche die Menschheit
übermächtigt hat. An die Stelle der ursprünglichen Harmonie zwischen
dem Schöpfer und seinen Geschöpfen ist die tiefe Verkehrung in den
Götzendienst hinein getreten, die zu allen möglichen Formen von Ausschweifungen
auf moralischem Gebiet geführt hat. Der heilige Paulus
findet das klarste Beispiel für diese Disharmonie gerade in den gleichgeschlechtlichen
Beziehungen (vgl. Röm 1,18-32). In vollständiger Kontinuität
mit dieser biblischen Überlieferungslinie werden schließlich beim
Aufzählen derjenigen, welche gegen die gesunde Lehre verstoßen, ausdrücklich
jene als Sünder bezeichnet, die homosexuelle Akte begehen
(vgl. 1. Tim 1, 10).
7. Die Kirche, die ihrem Herrn gehorsam ist, der sie gegründet und ihr
das sakramentale Leben eingestiftet hat, feiert den göttlichen Plan der
Liebe und der Leben schenkenden Vereinigung von Mann und Frau im
Sakrament der Ehe. Einzig und allein in der Ehe kann der Gebrauch der
Geschlechtskraft moralisch gut sein. Deshalb handelt eine Person, die sich
homosexuell verhält, unmoralisch.
Sich einen Partner gleichen Geschlechts für das sexuelle Tun auswählen,
heißt die reiche Symbolik verungültigen, die Bedeutung, um nicht von den
Zielen zu sprechen, des Plans des Schöpfers bezüglich der Geschlechtlichkeit
des Menschen. Homosexuelles Tun führt ja nicht zu einer komplementären
Vereinigung, die in der Lage wäre, das Leben weiterzugehen
und widerspricht darum dem Ruf nach einem Leben solcher Selbsthingabe,
von der das Evangelium sagt, daß darin das Wesen christlicher
Liebe bestehe. Dies will nicht heißen, homosexuelle Personen seien nicht
oft großzügig und würden sich nicht selbstlos verhalten; wenn sie sich
jedoch auf homosexuelles Tun einlassen, bestärken sie in sich selbst eine
ungeordnete sexuelle Neigung, die von Selbstgefälligkeit geprägt ist.
Wie es bei jeder moralischen Unordnung der Fall ist, so verhindert
homosexuelles Tun die eigene Erfüllung und das eigene Glück, weil es der
schöpferischen Weisheit Gottes entgegensieht. Wenn die Kirche irrige
Meinungen bezüglich der Homosexualität zurückweist, verteidigt sie eher
die - realistisch und authentisch verstandene - Freiheit und Wrde des
Menschen, als daá sie diese einengen würde.
8. Die Unterweisung der Kirche heute steht demgemäß in organischem
Zusammenhang mit der Sichtweise der Heiligen Schrift und der beständigen
Überlieferung. Obwohl die Welt von heute sich in vielerlei Hinsicht
wirklich verändert hat, spürt die Christenheit die tiefen und dauerhaften
Bande, die uns mit den Generationen verbinden, die uns vorangegangen
sind, bezeichnet mit dem Siegel des Glaubens.
Nichtsdestoweniger übt heute eine wachsende Zahl von Menschen, auch
innerhalb der Kirche, einen enormen Druck aus, damit sie die homosexuelle
Veranlagung akzeptiere, als ob sie nicht ungeordnet wäre, und
damit sie die homosexuellen Akte legitimiere. Diejenigen, die innerhalb
der Kirche das Problem in dieser Richtung vorantreiben, unterhalten oft
enge Beziehungen zu denen, die außerhalb der Kirche ähnlich handeln.
Die zuletzt genannten Gruppen sind von einer Auffassung geleitet, die
jener Wahrheit über die menschliche Person zuwiderläuft, die uns im
Geheimnis Christi vollends offenbart worden ist. Selbst wenn es ihnen
nicht voll bewuát ist, bekunden sie eine materialistische Ideologie, welche
die transzendente Natur der menschlichen Existenz leugnet, wie auch die
übernatürliche Berufung jedes einzelnen.
Die kirchlichen Amtsträger müssen sicherstellen, daß homosexuelle Personen,
die ihrer Sorge anvertraut sind, durch diese Meinungen nicht
irregeleitet werden, welche der Lehre der Kirche zutiefst widersprechen.
Die Gefahr ist jedoch groß, und es gibt viele, die bezüglich der kirchlichen
Position Verwirrung zu stiften trachten, um dann die entstandene Verwirrung
zu ihren eigenen Zwecken auszunutzen.
9. Auch innerhalb der Kirche hat sich eine Tendenz entwickelt, die, von
Pressionsgruppen mit unterschiedlichen Namen und verschiedenem
Umfang gebildet, den Eindruck zu erwecken sucht, als ob sie sämtliche
homosexuelle Personen, die katholisch sind, vertreten würde. Tatsächlich
sind jedoch ihre Anhänger zumeist auf jene Personen begrenzt, die
entweder die Lehre der Kirche nicht kennen oder sie irgendwie zu
untergraben suchen. Man versucht, auch solche homosexuelle Personen
unter dem Schild der Katholischen zu sammeln, die keinerlei Absicht
haben, ihr homosexuelles Verhalten aufzugeben. Eine der dabei verwendeten
Taktiken besteht darin, im Ton des Protestes zu erklären, daß jede
Art von Kritik oder Vorbehalt gegenüber homosexuellen Personen, ihrem
Verhalten und ihrem Lebensstil lediglich Formen ungerechter Diskriminierung
seien.
Daher ist in einigen Ländern ein regelrechter Versuch einer Manipulation
der Kirche in der Art im Gang, daß man die häufig gutgläubig gegebene
Unterstützung ihrer Hirten für die Änderung staatlicher Regelungen und
Gesetze zu gewinnen versucht. Die Absicht solcher Aktionen ist es, die
Gesetzgebung der Konzeption jener Pressionsgruppen anzugleichen, nach
deren Auffassung Homosexualität zumindest eine völlig harmlose, wenn
nicht sogar eine ganz und gar gute Sache ist. Obgleich die Praxis der
Homosexualität Leben und Wohlfahrt einer großen Zahl von Menschen
ernsthaft bedroht, lassen die Verteidiger dieser Tendenz von ihrem Tun
nicht ab und weigern sich, das Ausmaß des eingeschlossenen Risikos in
Betracht zu ziehen.
Die Kirche kann demgegenüber nicht ohne Sorge sein; deshalb hält sie an
ihrer klaren Position diesbezüglich fest, die weder durch den Druck
staatlicher Gesetzgebung noch durch den gegenwärtigen Trend geändert
werden kann. Sie bemüht sich aufrichtig um die vielen Menschen, die sich
von den Bewegungen zugunsten der Homosexualität nicht vertreten fühlen,
und zugleich um diejenigen, die versucht sein könnten, an deren
trügerische Propaganda zu glauben. Sie ist sich bewußt, daß die Ansicht,
homosexuelles Tun sei dem geschlechtlichen Ausdruck ehelicher Liebe
gleichwertig oder zumindest in gleicher Weise annehmbar, sich direkt auf
die Auffassung auswirkt, welche die Gesellschaft von Natur und Rechten
der Familie hat, und diese ernsthaft in Gefahr bringt.
10. Es ist nachdrücklich zu bedauern, daß homosexuelle Personen Objekt übler Nachrede und gewalttätiger Aktionen waren und weiterhin noch sind. Solche Verhaltensweisen verdienen, von den Hirten der Kirche verurteilt zu werden, wo immer sie geschehen. Sie bekunden einen Mangel an Achtung gegenüber anderen Menschen, der die elementaren Grundsätze verletzt, auf denen ein gesundes staatliches Zusammenleben fußt. Die jeder Person eigene Würde muß nämlich immer respektiert werden, und zwar in Wort und Tat und Gesetzgebung. Dennoch sollte die gebotene Antwort auf die Ungerechtigkeiten an homosexuellen Personen in keiner Weise zu der Behauptung führen, die homosexuelle Veranlagung sei nicht ungeordnet. Wenn eine solche Behauptung aufgestellt und homosexuelles Tun folglich als gut akzeptiert wird oder wenn eine staatliche Gesetzgebung eingeführt wird, welche ein Verhalten schützt, für das niemand ein irgendwie geartetes Recht in Anspruch nehmen kann, dann sollten weder die Kirche noch die Gesellschaft als ganze überrascht sein, wenn andere verkehrte Vorstellungen und Praktiken an Boden gewinnen sowie irrationale und gewaltsame Verhaltensweisen zunehmen.
11. Einige vertreten die Ansicht, homosexuelle Neigung sei in bestimmten Fällen nicht das Ergebnis einer freien Entscheidung; die homosexuellen Personen hätten keine andere Wahl, sondern müßten sich homosexuell verhalten. Daher handle eine solche Person, selbst wenn sie sich auf homosexuelles Tun einlasse, wegen fehlender Freiheit nicht schuldhaft. Hier ist es nötig, sich an die Weisheit der moralischen Überlieferung der Kirche zu halten, die vor Verallgemeinerungen im Urteil aller Einzelfälle warnt. In der Tat können in einem bestimmten Fall Umstände auftreten oder in der Vergangenheit aufgetreten sein, welche die Schuldhaftigkeit des einzelnen vermindern oder geradezu aufheben, während andere Umstände sie wiederum vermehren können. Was auf jeden Fall vermieden werden muß, ist die ebenso unbegründete wie demütigende Annahme, das geschlechtliche Verhalten homosexueller Partner sei immer und vollständig dem Zwang unterworfen und daher frei von Schuld. In Wirklichkeit muß auch bei den Personen mit homosexueller Neigung jene grundlegende Freiheit anerkannt werden, welche die menschliche Person als solche charakterisiert und ihr eine besondere Würde verleiht. Wie bei jeder Umkehr vom Bösen kann, dank dieser Freiheit, das von der göttlichen Gnade erleuchtete und gestärkte Mühen es jenen Personen gestatten, homosexuelles Tun zu lassen.
12. Was sollen demnach homosexuelle Personen tun, die dem Herrn
folgen wollen? Grundsätzlich sind sie dazu aufgerufen, den Willen Gottes
in ihrem Leben zu verwirklichen, indem sie alle Leiden und Schwierigkeiten,
die sie aufgrund ihrer Lage zu tragen haben, mit dem Kreuzesopfer
Christi vereinigen. Für den Glaubenden ist das Kreuz ein segenbringendes
Opfer, weil aus jenem Tod Leben und Erlösung erstehen. Auch wenn
jeder Aufruf, das Kreuz zu tragen oder das Leiden eines Christen in dieser
Weise zu verstehen, voraussichtlich von einigen belächelt werden wird, sei
daran erinnert, daß dies der Weg zur Erlösung für alljene ist, die Christus
nachfolgen.
In Wirklichkeit ist dies nichts anderes als die Unterweisung, die der
Apostel Paulus den Galatern vorlegte wenn er sagt, daß der Geist im
Leben der Gläubigen Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit,
Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung hervorbringt, und dann
fortfährt: Ihr könnt nicht zu Christus gehören, wenn ihr nicht das Fleisch
mit seinen Leidenschaften und Begierden gekreuzigt habt (Gal 5,22.24).
Dieser Aufruf wird jedoch leicht mißverstanden, wenn er als ein doch
zweckloses Bemühen um Selbstverleugnung angesehen wird. Das Kreuz
ist gewiß ein Ausdruck der Selbstverleugnung, die aber im Dienst des
Willens Gottes steht, der aus dem Tod Leben erstehen läßt und der jene,
die ihm vertrauen, befähigt, den Weg der Tugend anstatt den des Lasters
zu gehen.
Man feiert das Paschamysterium wirklich nur dann, wenn man das
Gewebe des täglichen Lebens von ihm durchdringen läßt. Wer sich
weigert, seinen eigenen Willen in Gehorsam dem Willen Gottes zu
unterwerfen, stellt in Wirklichkeit der Erlösung ein Hindernis in den Weg.
Wie das Kreuz zentraler Ausdruck der erlösenden Liebe Gottes zu uns in
Jesus Christus ist, so begründet die sich selbst verleugnende Gleichförmigkeit
homosexueller Männer und Frauen mit dem Opfer des Herrn für sie
eine Quelle der Selbsthingabe, die sie vor einem Leben bewahrt, das sie
fortwährend zu zerstören droht.
Homosexuelle Personen sind, wie die Christen insgesamt, dazu aufgerufen,
ein keusches Leben zu führen. Wenn sie in ihrem Leben die Natur des
persönlichen Rufes Gottes an sie zu verstehen suchen, werden sie das
Sakrament der Buße mit größerer Treue feiern und die hier so freigebig
angebotene Gnade des Herrn empfangen können, um sich vollkommener
zu seiner Nachfolge bekehren zu können.
13. Andererseits ist offenkundig, daß eine klare und wirksame Verkündigung
der kirchlichen Lehre an alle Gläubigen und an die Gesellschaft als
ganze in weitem Maße von der korrekten Unterweisung und Gläubigkeit
ihrer Seelsorger abhängt. Den Bischöfen kommt die besonders schwere
Verantwortung zu, dafür Sorge zu tragen, daß ihre Mitarbeiter, allen
voran die Priester, in rechter Weise informiert und persönlich dazu
ausgerüstet sind, die Lehre der Kirche einem jeden vollständig zu verkündigen.
Der besondere Eifer und der gute Wille, den viele Priester und Ordensleute
bei ihrer Seelsorge für homosexuelle Personen unter Beweis stellen,
ist bewunderswert; diese Kongregation hofft, daß beides nicht erlahmt.
Solche eifrigen Seelsorger sollen darauf vertrauen, daß sie den göttlichen
Willen treu befolgen, wenn sie homosexuelle Personen ermutigen, ein
keusches Leben zu führen, und wenn sie diese an ihre unvergleichliche
Würde erinnern, die Gott auch jenen Personen geschenkt hat.
14. Das Gesagte vor Augen, möchte diese Kongregation die Bischöfe bitten, allen Programmen gegenüber besonders wachsam zu sein, welche die Kirche zu bedrängen suchen, ihre Lehre zu ändern, auch wenn sie mit Worten vorgeben, daß dem nicht so sei. Ein sorgfältiges Studium ihrer öffentlichen Erklärungen sowie der Aktivitäten, die sie fördern, offenbart eine gezielte Zweideutigkeit, wodurch sie Hirten und Gläubige irrezuleiten suchen. Sie legen beispielsweise die Unterweisung des Lehramtes bisweilen so dar, als wolle es das je einzelne Gewissen bloß fakultativ bilden. Seine einzigartige Autorität wird jedoch nicht anerkannt. Einige Gruppen benutzen sogar das Wort katholisch für ihre Organisationen oder für die Personen, an die sie sich wenden wollen; in Wirklichkeit aber verteidigen und fördern sie die Verkündigung des Lehramtes nicht, ja, sie greifen es mitunter sogar offen an. Während ihre Anhänger den Anspruch erheben, ihr Leben mit der Lehre Jesu gleichförmig zu gestalten, geben sie in Wirklichkeit die Lehre seiner Kirche auf. Dieses widersprüchliche Verhalten sollte keinesfalls die Unterstützung der Oberhirten finden.
15. Diese Kongregation ermutigt daher die Bischöfe, für die homosexuellen Personen in ihren Bistümern eine Pastoral zu fördern, die in voller Obereinstimmung mit der Lehre der Kirche steht. Kein authentisches pastorales Programm darf Organisationen einschließen, in denen sich homosexuelle Personen zusammenschlieáen, ohne daß zweifelsfrei daran festgehalten wird, daß homosexuelles Tun unmoralisch ist. Eine wahrhaft pastorale Haltung wird die Notwendigkeit betonen, daß homosexuelle Personen die nächste Gelegenheit zur Sünde zu meiden haben. Ermutigung sollen jene Programme finden, in denen die genannten Gefahren vermieden werden. Es muß jedoch Klarheit darüber bestehen, daß ein Abweichen von der Lehre der Kirche oder ein Schweigen über sie, das auf diesem Weg pastorale Fürsorge anbieten möchte, weder Ausdruck echter Sorge noch gültige Pastoral ist. Nur das Wahre kann letzten Endes auch pastoral sein. Jeder aber, der die Position der Kirche mißachtet, verhindert, daß homosexuelle Männer und Frauen jene Sorge erfahren, derer sie bedürfen und auf die sie ein Recht haben. Ein echtes pastorales Programm wird homosexuelle Personen auf allen Ebenen ihres geistlichen Lebens fördern: durch die Sakramente, insbesondere durch den häufigen und ehrfürchtigen Empfang des Bußsakramentes, durch das Gebet, durch das Zeugnis, durch Beratung und individuelle Mitsorge. Auf solche Weise kann die ganze christliche Gemeinschaft ihre eigene Berufung erkennen, indem sie nämlich diesen ihren Brüdern und Schwestern beisteht, ohne sie zu enttäuschen oder sie in die Isolation zu treiben.
16. Von diesem reich gefächerten Ansatz aus lassen sich zahlreiche
Vorteile gewinnen, nicht zuletzt die Feststellung, daß eine homosexuelle
Person, wie jedes menschliche Wesen, dringend notwendig auf verschiedenen
Ebenen gleichzeitig gefördert werden muß.
Die menschliche Person, die nach dem Abbild und Gleichnis Gottes
geschaffen ist, kann nicht adäquat beschrieben werden, wenn man sie auf
ihre geschlechtliche Ausrichtung eingrenzt. Jeder Mensch auf dieser Erde
hat persönliche Probleme und Schwierigkeiten, aber auch Möglichkeiten
zu wachsen, Fähigkeiten, Talente und eigene Gaben. Die Kirche bietet
den gerade heute empfundenen dringend nötigen Zusammenhang für die
Sorge um die Person des Menschen an, wenn sie sich weigert, eine Person
ausschließlich als heterosexuell oder homosexuell einzustufen, und
darauf besteht, daß jeder Person dieselbe fundamentale Identität
zukommt: Geschöpf zu sein und durch die Gnade Kind Gottes, Erbe des
ewigen Lebens.
17. Wenn diese Kongregation den Bischöfen diese Klarstellungen und
pastoralen Orientierungen anbietet, möchte sie deren Bemühungen
unterstützen, die darauf abzielen, daß die Lehre des Herrn und seiner
Kirche über dieses wichtige Thema allen Gläubigen vollständig vermittelt
wird.
Die Ortsbischöfe sind eingeladen, im Licht des hier Dargelegten die
Notwendigkeit besonderer Eingriffe im Rahmen ihrer Kompetenz abzuwägen.
Außerdem können sie, wenn sie es für nützlich halten, eine
weiterreichende Aktion in Angriff nehmen, die auf der Ebene ihrer
nationalen Bischofskonferenz koordiniert ist.
Insbesondere sollen die Bischöfe vordringlich die Entwicklung angemessener
Seelsorgsformen für homosexuelle Personen mit allen ihnen zur
Verfügung stehenden Mitteln unterstützen. Dies kann die Mitarbeit der
psychologischen, soziologischen und medizinischen Wissenschaften einschließen,
wobei immer die volle Treue zur Lehre der Kirche festgehalten
werden muß.
Vor allem sollen es die Oberhirten nicht daran fehlen lassen, die Mitarbeit
aller katholischen Theologen heranzuziehen. Wenn diese das lehren, was
die Kirche lehrt, und wenn sie mit ihren Überlegungen ein vertieftes
Verständnis der wahren Bedeutung der menschlichen Geschlechtlichkeit,
der christlichen Ehe gemäß dem Plane Gottes sowie der mit ihr verbundenen
Tugendhaltungen fördern, werden sie eine brauchbare Hilfe auf
diesem spezifischen Gebiet der Seelsorge anbieten können.
Eine besondere Aufmerksamkeit müssen die Bischöfe sodann auf die
Auswahl derjenigen Seelsorger legen, die mit dieser heiklen Aufgabe
betraut werden, damit diese aufgrund ihrer Treue zum Lehramt und durch
ihren hohen Grad an geistlicher und psychologischer Reife den homosexuellen
Personen eine wirkliche Hilfe zum Erreichen ihrer ganzheitlichen
Erfüllung bieten können. Solche Seelsorger werden theologische
Meinungen zurückweisen, die der Lehre der Kirche widersprechen und
die daher nicht als Leitlinien der Pastoral dienen können.
Weiterhin wird es angemessen sein, geeignete katechetische Programme
zu fördern, die auf der Wahrheit über die menschliche Geschlechtlichkeit
in ihrer Beziehung zum Familienleben fußen, so wie die Kirche sie lehrt.
Solche Programme liefern in der Tat einen guten Kontext, innerhalb
dessen auch die Frage der Homosexualität behandelt werden kann.
Diese Katechese wird auch den Familien, in denen sich homosexuelle
Personen befinden, eine Hilfe sein können, wenn sie sich mit diesem sie so
tief bewegenden Problem auseinandersetzen.
Jedwede Unterstützung muß jenen Organisationen entzogen werden,
welche die Lehre der Kirche zu untergraben suchen, sei es, daß sie
diesbezüglich zweideutig sind oder sie gänzlich mißachten. Eine solche
Unterstützung, ja, bereits der Anschein, kann Ouelle einer ernsten Mißdeutung
werden. Besondere Beachtung sollte der Planung religiöser Feiern
und der Benutzung kirchlicher Gebäude, einschließlich der Bereitstellung
katholischer Schulen und Kollegien für solche Gruppen geschenkt
werden. Für manche mag die Erlaubnis, von kirchlichem Eigentum
Gebrauch zu machen, lediglich als ein Ausdruck von Gerechtigkeit und
Liebe erscheinen; in Wirklichkeit aber steht sie in Widerspruch zu den
Zielen, für die diese Einrichtungen gegründet worden sind. Sie kann zur
Quelle von Mißdeutung und Ärgernis werden.
Bei eventuellen Vorschlägen für die zivile Gesetzgebung wird man sich in
erster Linie darum bemühen müssen, das Familienleben zu schützen und
zu fördern.
18. Jesus Christus hat gesagt: Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen (Joh 8,32). Die Schrift fordert uns auf, die Wahrheit in Liebe zu tun (vgl. Eph 4,15). Gott, der Wahrheit und, Liebe in einem ist, ruft die Kirche auf, jedem Mann, jeder Frau und jedem Kind mit dem pastoralen Eifer unseres barmherzigen Herrn zu dienen. In diesem Geist hat die Kongregation für die Glaubenslehre dieses Schreiben an euch, Bischöfe der Kirche, gerichtet, in der Hoffnung, daß es für diejenigen eine Hilfe sein möge, deren Leiden durch irrige Lehren verschlimmert, durch das Wort der Wahrheit aber gelindert werden können. Papst Johannes Paul II. hat im Verlauf einer dem unterzeichneten Präfekten gewährten Audienz das vorliegende Schreiben, das in der Ordentlichen Versammlung dieser Kongregation beschlossen worden ist, gebilligt sowie dessen Veröffentlichung angeordnet.
Rom, am Sitz der Kongregation für die Glaubenslehre,
den 1. Oktober 1986.
+ ALBERTO BOVONE
Titularerzbischof von Cäsarea in Numidien
Sekretär