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DBK-Jugendkommission - Hearing |
[Letzte Aktualisierung: 13.04.2002 ] |
Im September 1999 gab die Jugendkommission der Deutschen Bischofskonferenz der römisch-katholischen Kirche (Vorsitzender: Bischof Bode, Osnbrück) ein Dokument heraus: Brief an die Verantwortlichen in der kirchlichen Jugendarbeit zu einigen Fragen der Sexualität und der Sexualpädagogik. Dieser Text ist bei uns als Web-Seite (auszugsweise: Teil zur Homosexualität) und als PDF-Datei vorhanden.
Hier geben wir die Dokumentation der Arbeitsgruppenergebnisse eines Hearings wieder, das die Jugendkommission der Deutschen Bischofskonferenz im Januar 2001 gehalten hat. Ähnlich wie der offene Brief der Jugendseelsorgekonferenz im Erzbistum Berlin zeigt dieses Dokument, dass man an der kirchlichen Basis durchaus eine etwas andere Sichtweise hat, gerade beim Thema Homosexualität.
Der hier wiedergegebene Text ist eine wörtliche Kopie der auch online (auf den Web-Seiten der Arbeitsgemeinschaft für Jugendarbeit) erhältlichen Dokumentation. Der Abschnitt zur Homosexualität ist im Bericht aus Arbeitsgruppe 3 enthalten.
Hearing der Jugendkommission der DBK zu ihrem Sexualitätsbrief
25. Januar 2001 in Mainz
Dokumentation der Arbeitsgruppenergebnisse
Stefan Gärtner (Hg.)
Die Dokumentation ist auch als PDF-Download erhältlich.
Ggf. laden Sie hierfür bitte die aktuelle Version des
Acrobat Readers herunter.
Bericht aus Arbeitsgruppe 1: Perspektiven einer Sexualerziehung aus christlicher Verantwortung
Stefan Gärtner
Bericht aus Arbeitsgruppe 2: Normen und Werte in der Sexualerziehung
Knuth Erbe
Bericht aus Arbeitsgruppe 3: Homosexualität in der kirchlichen Sexualerziehung
Werner Tzscheetzsch
Bericht aus Arbeitsgruppe 4: Keuschheit und Ehelosigkeit als Themen der Sexualerziehung
Gabriela Grunden
Bericht aus Arbeitsgruppe 5: Die besondere Rolle des kirchlichen Mitarbeiters in der Sexualerziehung
Inge Rupprecht
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Beim Hearing der Jugendkommission der Deutschen Bischofskonferenz zu ihrem Brief an die Verantwortlichen in der kirchlichen Jugendarbeit zu einigen Fragen der Sexualität und der Sexualpädagogik am 25. Januar 2001 in Mainz wurden in Kleingruppen die Themen vertieft diskutiert, die sich im Dialogprozess um das Schreiben der Bischöfe als besonders umstritten erwiesen hatten. Den Gruppen standen jeweils Fachleute zur Verfügung, die in das Thema eingeführt haben und mit einem Statement die Diskussion anregen sollten. Danach ging es um einen inhaltlichen Austausch über die aufgebrochenen Fragen mit dem Ziel, zu möglichst konkreten Handlungsempfehlungen an die (in den Arbeitsgruppen durch ihre Mitglieder sehr zahlreich vertretene) Jugendkommission zu kommen. Hierbei ging es um das, was aus Sicht der Teilnehmenden im Feld einer Sexualerziehung aus christlicher Verantwortung besonders dringend anzugehen wäre.
Die Arbeitsgruppen wurden von den Mitgliedern der Steuerungsgruppe geleitet, die sich zur Beratung der Jugendkommission für den Dialogprozess um ihren Brief gebildet hatte. Die Arbeitsgruppenleiter haben die Gruppenergebnisse auf dem Hearing mündlich berichtet. Diese Berichte liegen nun in schriftlicher Form vor.
Fachfrau: Ann-Kathrin Kahle, Sozialdienst katholischer Frauen, Münster
Die Gruppe hat sich schnell das Begriffspaar zu eigen gemacht, mit dem die Fachfrau ihre sexualpädagogische Praxis beschrieb. Ziel ihrer Arbeit sei es, die Jugendlichen zu einem Handeln im Spannungsfeld der Pole Selbstbestimmtheit und Verantwortung zu befähigen. Im Verlauf der Diskussion wurde dieses Begriffspaar um den Zusatz "...in der Nachfolge Jesu Christi" als Merkmal einer Sexualerziehung aus christlicher Perspektive ergänzt. Diese Formel Selbstbestimmtheit und Verantwortung in der Nachfolge Jesu Christi wurde als Zielbeschreibung und grundlegende Perspektive einer Sexualerziehung aus christlicher Verantwortung allgemein akzeptiert.
Im Weiteren ging es darum die Formel zu füllen. Dabei wurde zunächst ganz deutlich, dass die Teilnehmenden in der sexualpädagogischen Arbeit bei den Jugendlichen selbst ein hohes Maß an Verantwortungsbewusstsein, Kreativität und Kompetenz wahrnehmen. So kommen diese bei der Gestaltung ihrer sexuellen Identität zu verantworteten Entscheidungen. Auf der anderen Seite wurde aber auch wahrgenommen, dass es den Jugendlichen dabei manchmal an der rechten Sprachfähigkeit mangelt (was in gleicher Weise auch für die Jugendarbeiter gelten kann). Zudem dürfen trotz aller Kompetenzen, die bei den Jugendlichen zweifelsohne vorhanden sind, die Schwierigkeiten nicht unterschätzt werden. So sind sie etwa bei der Ausbildung einer Geschlechterrolle als Mann oder als Frau mit den Klischees der Medienindustrie konfrontiert oder sie sind dem Konformitätsdruck in der Gleichaltrigengruppe ausgesetzt.
Es wurde deutlich, dass sich die kirchliche Jugendarbeit an diesem Punkt nicht aus der Verantwortung stehlen darf - und dies in vielen Fällen auch nicht tut. Allerdings gibt es auch Bereiche, in denen die Sexualerziehung allein anderen Instanzen überlassen bleibt, etwa der schulischen Sexualkunde oder den Medien. Hier wird die spezielle Chance der kirchlichen Jugendarbeit zu wenig genutzt, die insbesondere in der Glaubwürdigkeit des "personalen Angebots" der Jugendarbeiter und in der Freiwilligkeit der Teilnahme besteht.
Als Problem wurde in diesem Zusammenhang angezeigt, dass die einfache Alternative von Ehe und Enthaltsamkeit (bis zur Ehe) der Lebenswirklichkeit Jugendlicher im Allgemeinen nicht entspräche. Es käme vielmehr darauf an, die hinter dem "Bund der Ehe" stehenden christlichen Vorstellungen und Werte in einem eher prozesshaften Verständnis eines stufenweisen Wachstums speziell für die Beziehungen, die Jugendliche eingehen, zu verflüssigen. Die einfache Opposition von Ehe oder Enthaltsamkeit wirkt dagegen in der Sexualerziehung oft als Gesprächsblockade. Dies gilt insbesondere auch da, wo die Mitarbeiter einerseits glaubwürdige Zeugen der christlichen Werte und Normen für das Gelingen einer Partnerschaft sein wollen, ihre persönlichen Lebensumstände dies aber manchmal nicht ermöglichen.
Eine besondere Perspektive einer Sexualerziehung aus christlicher Verantwortung ergab sich aus der Frage nach den "dramatischen" Seiten der Sexualität, also ihren Schattenseiten. Hier wurde kritisch die Frage aufgeworfen, ob nicht in der kirchlichen Jugendarbeit von der Sexualität insgesamt ein zu "helles" Bild gezeichnet wird. Umgekehrt ergab sich daraus die Notwendigkeit, Jugendliche gerade auch bei dem Erleben dieser "dramatischen" Seiten, etwa beim Scheitern einer Beziehung, nicht allein zu lassen.
Dies führte zu der Frage, wie ein solcher "Beistand" gelingen kann. Es wurde deutlich, dass hierbei die Frage von orientierenden Werten eine große Rolle spielt. Diese können dann aufgenommen werden, wenn Raum für eine vertrauensvolle Auseinandersetzung eröffnet wird, wo Jugendliche ihre Erfahrungen mitteilen können ("Wo will ich mit meinem Leben hin?" "Was ist mir wertvoll?") und wo dann über die dabei aufbrechenden Wertkonflikte kommuniziert werden kann. Diese Kommunikation an sich setzt schon immer bestimmte Werthaltungen voraus und macht sie für die Jugendlichen erfahrbar. So können diese befähigt werden, für die Entscheidungen einzustehen, die sie in diesem Bereich treffen (müssen).
Es blieb in der Gruppe keine Zeit mehr zu vertiefen, was denn die speziell christlichen Merkmale einer Sexualerziehung in dem Spannungsfeld Selbstbestimmtheit und Verantwortung seien.
Offen blieb auch die Frage, inwieweit bei der Kommunikation über Werte die Entlastungsfunktion von Normen für die Handlungsführung zu integrieren sei. Hier herrschte Einigkeit darüber, dass eine reine Gesetzesmoralität nicht weiterhilft, sondern eher Ängste auslöst und schadet oder aber schlichtweg belanglos erscheint. Als Problem bleibt aber bestehen, ob und wie konkretere Handlungsvorgaben für die je unterschiedlichen Lebenssituationen Jugendlicher entwickelt werden können. Dies kulminierte in der Frage nach einer vermittelnden Wertekommunikation bzw. einer kommunikativen Wertevermittlung.
Die Gruppe verständigte sich auf zwei Handlungsempfehlungen an die Jugendkommission. Zum ersten wurde der Wunsch nach "Rückenstärkung" geäußert. Das gemeinsame Anliegen von Bischöfen und Jugendarbeitern, den Jugendlichen die christlichen Optionen für ein Leben in Fülle erfahrbar zu vermitteln, müsste ganz deutlich auch in eventuellen Konfliktsituationen spürbar sein. Ein Vertrauensvorschuss und eine wohlwollende (nicht unkritische!) Unterstützung wird von den Jugendarbeitern bei ihren schwierigen Aufgaben im Bereich der Sexualerziehung gewünscht.
Mit den Herausforderungen dieser Arbeit hängt eine zweite Handlungsempfehlung zusammen, die Ergebnis einer die Arbeitsgruppe durchziehenden Defizitanzeige war: Wie helfen wir denen, die den Jugendlichen Wegbegleiter und Wegbegleiterinnen sind? Als Desiderat wurde wahrgenommen, dass es keine geeigneten Ausbildungsmöglichkeiten für eine Sexualerziehung aus christlicher Verantwortung gibt. Die vorhandenen Materialien verbleiben auf der Ebene der Methodik und Didaktik für die konkrete Arbeit. Es wäre darum dringend notwendig, diese Ansätze in einem Rahmenkonzept zu verbinden, die Arbeit somit grundlegend zu orientieren und dies in einem modellhaften Ausbildungskonzept zu realisieren.
Stefan Gärtner
Fachleute: Ursula Kundmüller und Christian Brauner, Caritasverband für die Erzdiözese Bamberg
Die Arbeitsgruppe 2 "Normen und Werte in der Sexualerziehung" war in ihrer Zusammensetzung dadurch gekennzeichnet, dass bei der ersten Kleingruppenphase eine große Gruppe von Vertreterinnen und Vertretern der Presse anwesend war. Dieses ist vermutlich darauf zurückzuführen, dass der Vorsitzende der Jugendkommission der DBK, Bischof Dr. Franz-Josef Bode, an der Arbeitsgruppe teilgenommen hat. Die Diskussion ist auf Grund der Pressepräsenz deshalb in der ersten Phase auch nur sehr schleppend gewesen. Darüber hinaus waren sechs Teilnehmer/-innen in der Arbeitsgruppe.
Die beiden Fachreferenten haben ihr Projekt "Love-Tours" aus der Erzdiözese Bamberg vorgestellt. Das Projekt dient der Information von Schulklassen, Jugendgruppen usw. über alle Fragen, die mit der Sexualität zusammenhängen (Verhütung, Geschlechterrollen u.s.w.).
Anknüpfend an die Ausführungen der beiden Fachreferenten haben in der Diskussion insbesondere die Fragen nach dem Verhältnis von Werten und Normen sowie der Normenfindung im Mittelpunkt gestanden. Außerdem wurde die Frage der Glaubwürdigkeit der Kirche und ihrer Vertreter thematisiert. Angefragt wurde, inwieweit die Glaubwürdigkeit durch das Fehlverhalten von einzelnen Vertretern der Kirche einen nicht auszugleichenden Schaden erhalten hat.
Bei dem Verhältnis zwischen Werten und Normen wurde festgestellt, dass Jugendliche bei den Werten häufig mit den Aussagen der kirchlichen Lehre übereinstimmen, deren Umsetzung in Normen allerdings ablehnen. Zudem würden unter den gleichen Wertebegriffen oft auch unterschiedliche Inhalte verstanden. So würde Treue zum Beispiel von Jugendlichen zwar sehr hoch geschätzt, aber begrenzt auf den/die jeweilige(n) aktuelle(n) Partner oder Partnerin.
Zur Normenfindung wurde festgestellt, dass die Findung von Normen in einer pluralen Gesellschaft immer schwerer wird. Zum Teil wurde die Möglichkeit der Findung von allgemeinverbindlichen Normen überhaupt in Frage gestellt. Außerdem wurde gefragt, ob bei einer stattfindenden Wertekommunikation die Suche nach Normen überhaupt notwendig sei. Die Normen seien (wenn überhaupt) nur im unmittelbaren Austausch mit der jeweils individuellen Person zu finden. Die traditionellen Normen seien außerdem sehr stark dem jeweiligen Zeitkontext verhaftet gewesen. Dieses wurde insbesondere an dem Thema Homosexualität festgemacht. Neben der geforderten Wertekommunikation sei auch die Kommunikation über die Normen notwendig. Dabei müsse insbesondere auf die sprachliche Formulierung von Normen geachtet werden. Normen müssten aber auch immer wieder in Frage gestellt werden können.
Als besonderer Komplex wurde das Thema Homosexualität thematisiert. Hier wurden Änderungen in der Einstellung der Kirche gegenüber einer gelebten homosexuellen Veranlagung gefordert. Außerdem sollten (ohne eine Abwertung der traditionellen Ehe!) homosexuelle Partnerschaften akzeptiert werden.
Als Möglichkeit eines neuen Umgangs von Kirche mit der Sexualität wurde der Begriff einer "Befähigungsethik" eingebracht. Damit sollten die Möglichkeiten der Jugendlichen für eine eigenständige Entscheidung gefördert werden. Diese Befähigungsethik müsste Teil einer Werte- und Normenkommunikation sein.
Als weitere offene Frage wurden von der Arbeitsgruppe 2 formuliert, in welcher Weise der christliche Ansatz in die Werte- und Normenkommunikation einfließen kann. Weitergehend wurde gefragt, ob nicht eine Werte- und Normenkommunikation selbst schon den christlichen Ansatz darstellen würde.
An die Adresse der Jugendkommission der DBK war eine Handlungsempfehlung der Wunsch nach mehr Vertrauen in die Jugendlichen und in die kirchliche Jugendarbeit in Bezug auf den Umgang mit Fragen der Sexualität. Daneben wurde die Bitte geäußert, Jugendliche nicht nur auf das Thema Sexualität zu reduzieren, sondern deren ganze Lebenswirklichkeit in den Blick zu nehmen und eine offensive Jugendarbeit zu fördern. Außerdem sollte die Jugendkommission die Normenkommunikation anstoßen.
Knuth Erbe
Fachmann: Dr. Ulrich Niemann SJ, Philosophisch-Theologische Hochschule Sankt Georgen, Frankfurt/M.
Die Diskussion in der Arbeitsgruppe gründete auf der einleitenden Feststellung, dass Homosexualität keine Krankheit ist. In der Kirche ist eine unvoreingenommene Wahrnehmung wichtig, die die Gegebenheit von Homosexualität in keiner Weise pathologisiert. Die Spannungen zwischen humanwissenschaftlichem Befund und manchen kirchlichen Aussagen wurde deutlich kritisiert, gleichzeitig wurde für eine Versachlichung der Debatte und gegen mitunter anzutreffende "Totschlagargumente" plädiert. Besonders betont wurde die Beurteilung menschlicher Beziehungen unter personalen Kriterien.
Auch homosexuelle Beziehungen sind unter der "Wachstumsperspektive" zu sehen, die Familiaris Consortio folgendermaßen bestimmt: Doch ist der Mensch, der berufen ist, dem weisen und liebenden Plan Gottes in freier Verantwortung mit seinem Leben zu entsprechen, ein geschichtliches Wesen, das sich Tag für Tag durch seine zahlreichen freien Entscheidungen selbst formt; deswegen kennt, liebt und vollbringt er das sittlich Gute auch in einem stufenweisen Wachsen.(34)
Als zentrale Forderung an die Kirche wurde deshalb die prinzipielle Anerkennung von Homo- und Heterosexualität benannt: Homosexualität ist keine wählbare Alternative.
Wertende Vergleiche zwischen Homo- und Heterosexualität sind zu unterlassen. Im Blick auf die kirchliche Lehre ist zu fragen, ob nicht eine neue Definition von "Fruchtbarkeit" notwendig ist.
Dringend angezeigt ist die Streichung bzw. die Korrektur diskriminierender Passagen in kirchlichen Dokumenten. Die Kirche sollte sich für die von ihr provozierten Verletzungen entschuldigen.
Von der theologischen Forschung ist eine Neubewertung der Homosexualität dann zu erwarten, wenn auch homosexuelle Beziehungen unter dem Aspekt der leib-seelischen Ergänzung und des personalen Wachstums reflektiert werden.
Folgende "Handlungsempfehlungen" sind an die Jugendkommission gerichtet:
Werner Tzscheetzsch
Fachleute: Sr. Petra Miller SDS, Nettersheim, und P. Guido Hügen OSB, Königsmünster, Arbeitsgemeinschaft Jugendpastoral der Orden
Hinter den Begriffen Keuschheit und Ehelosigkeit verbirgt sich eine ganze Sammlung verschiedener Vorstellungen und Sichtweisen. Sie beinhalten andere Begriffe wie z.B. "Enthaltsamkeit" oder "Verzicht auf Sexualität vor der Ehe". Der Brief der Jugendkommission geht in seinen zentralen Punkten vom Idealbild der Ehe aus. Die Begriffe "Keuschheit" und "Ehelosigkeit" werden von diesem Punkt her gedeutet. Beide haben aber über diese defizitäre Beschreibung hinaus ihre eigenen Qualitäten und Werte.
Zur Begriffsklärung: Folgt man der Wortbedeutung, so meint "Keuschheit" (kuskeis) etwa "der christlichen Lehre bewusst". Der Begriff ist aus lat. conscius "mitwissend, eingeweiht, bewusst" entlehnt. Aus der Bedeutung "der christlichen Lehre bewusst" entwickelten sich im Laufe der Zeit die Bedeutungen "tugendhaft, sittlich, enthaltsam, rein". Wurde in der Arbeitsgruppe von Keuschheit geredet, dann verstand sie diesen Begriff im Sinne der Bedeutung: "der christlichen Lehre bewusst".
Folgt man dem Begriff "Ehelosigkeit", so ist auch dieser unbedingt zu erläutern. Zunächst wird damit nichts weiter beschrieben, als der Zustand des Nichtverheiratetseins. Differenzierungen zum Begriff Ehelosigkeit sind:
Bei der Ehelosigkeit im Sinne des Zölibats geht es um eine bewusst gewählte Lebensform. Der Begriff "Ehelosigkeit" greift hier zu kurz. Es stellte sich die Frage, worauf ein ehelos lebender Mensch verzichtet. Ehelosigkeit heißt nicht Verzicht auf Sexualität. Wenn Sexualität als grundlegendes Wesensmerkmal eines Menschen als Mann oder als Frau gesehen werden kann und nicht auf Genitalität eingeengt wird, prägt diese auch den Ehelosen durch und durch.
Die Gruppe stellte sich an diesem Punkt die grundsätzlichere Frage, wie die Sexualität in das eigene Leben integriert wird. Ehelosigkeit heißt ja Verzicht - doch kann der Verzicht nicht der Hauptbeweggrund sein. Es muss etwas geben, für das es sich lohnt zu verzichten.
Leben geschieht immer in Beziehung - so ist die Ehelosigkeit ein alternativer Gestaltungsweg von Beziehung. Er grenzt bestimmte Formen von Beziehung aus und macht andere möglich. Es geht bei dieser Lebensform - wie bei allen anderen Lebensformen auch - um Beziehungs- und Liebesfähigkeit, um Sinnlichkeit, um Fruchtbarkeit - um die Integration, nicht Ausgrenzung der Sexualität. Das kann von der Idee "um des Himmelreiches willen" bis zur Freiheit zu bestimmten Aufgaben und Berufungen viele Gründe haben. Letztlich leben die "Betroffenen" dabei verstärkt aus der Beziehung zu Jesus Christus.
In der Arbeitsgruppe bestand Konsens darüber, dass diese grundsätzlichen Überlegungen näher zu erläutern sind. Wichtig war ihr vor allem, dass es bei Keuschheit und Ehelosigkeit um die Einübung von dahinter (oder davor) liegenden Werthaltungen geht. Keuschheit im o.g. Sinne gilt nicht nur für Ehelose, sondern ebenso für Singles und Paare, soweit sie dem Christlichen gemäß leben wollen. Das ist ein Hinweis darauf, dass es der Kommunikation über diese christlichen Werte bedarf. Ob Erwachsene zu einem dem Evangelium entsprechenden und das heißt auch ansprechenden Leben fähig sind, wird sich auch daran messen lassen müssen, inwieweit sie dem Dialog und den Anfragen von Jugendlichen standhalten.
In der Pädagogik und in der Pastoral kommt es darauf an, sich über diese Werte zu verständigen, ihre Relevanz sichtbar und erfahrbar werden zu lassen und einzuüben. Hierbei sind nicht der Beliebigkeit Tür und Tor geöffnet, vielmehr geht es darum, Jugendlichen wie Erwachsenen zu ihrem Selbstwert und damit zur Wertschätzung anderer zu verhelfen.
Aufgabe der Kirche ist es, über Sinnvermittlung zu Wertorientierung zu führen. Die Verantwortung gilt nicht einer abstrakten Norm, sondern einem Wert gegenüber. Die Sprache ist hierfür ein Indikator: ein Sechstel des Briefs der Jugendkommission spricht von Enthaltsamkeit/Ehelosigkeit unter dem eher negativen Aspekt des Verzichts. Auch wenn in Ansätzen das Positive der Sexualität als solcher und auch der Enthaltsamkeit wie der Ehelosigkeit aufscheinen, finden beide keine von sich aus positive, auf Erfüllung bedachte Grundlegung. "Enthaltsamkeit" und "Ehelosigkeit" erscheinen vielmehr als angstmachende und einengende, jedenfalls nicht freimachende und erfüllende Lebenshaltungen.
Es käme darauf an "Verzicht" als einen positiven Akt der Freiheit zu erläutern. Und dies gilt - wie beschrieben - nicht nur für Ordensleute. Im Kern geht es darum, Menschen zu einem geglückten, gelingenden Leben in Beziehung (zu sich selbst, zu anderen, zu Gott) zu verhelfen.
Nur von dieser Warte aus werden wir Jugendliche erreichen können. Denn - allen Unkenrufen zum Trotz - Werte haben bei Jugendlichen einen hohen Stellenwert! Wo es keine Normalbiografien mehr gibt, sondern nur noch Wahlbiografien, wachsen auch die moralischen Ansprüche. Wo der einzelne sich nicht mehr an einem festen Modell entscheiden kann, wächst die Herausforderung der eigenen Entscheidung.
Um Entscheidungen treffen zu können, brauchen wir einen Hintergrund von Werten. Auch dabei können sich Jugendliche nicht mehr an einem vorgegebenen Wertesystem orientieren. Vielmehr wächst an aktuellen Gegebenheiten orientiert der eigene "Wertecocktail". Dabei verfallen nicht die Werte an sich; als selbst erkannte und selbst angenommene haben sie eher eine größere Gewichtigkeit als früher.
Dabei ist der Druck, der auf Jugendlichen lastet, nicht zu übersehen. Wo auf der einen Seite das "Du darfst nicht!" der Kirche steht, steht auf der anderen Seite das "Du musst!" der Bravo. Hinzu kommen die Punkte, die auch schon im Brief der Jugendkommission genannt sind: Verlängerung der Jugendphase, längere finanzielle Unselbständigkeit - alles Punkte, die fragen lassen, ob junge Menschen in einer Zeit höchst unverbindlicher Lebensbedingungen überhaupt verbindliche Lebensentscheidungen treffen können? Dabei könnte eine Thematisierung von Keuschheit und "Verzicht", vielleicht auch Ehelosigkeit eine entlastende Funktion haben.
Eine Rückmeldung zum Brief beklagt, dass Jugendliche überhaupt keine Chance haben, in Kontakt mit solchen zu kommen, die ehelos leben, um an ihrem Beispiel zu sehen und zu lernen. Diese Erfahrung prägt weite Bereiche der Jugendarbeit. Ordensleute wie Priester werden weniger - und gerade bei den Priestern findet sich kaum noch jemand, der in die Jugendarbeit möchte. Das hat sicher nicht nur mit dem meist schwierigen Feld der Jugendarbeit zu tun, sondern auch mit der Tatsache, dass Jugendliche einen in der Regel aufs Heftigste hinterfragen. Sich dem zu stellen, birgt Chancen, kann aber auch ängstigen und ist in jedem Fall anstrengend.
Es gab in der Gruppe ein deutliches Plädoyer für Wertekommunikation in der pastoralen Arbeit mit Jugendlichen und Erwachsenen. Jugendliche sind nicht nur unsere Zukunft, sondern unsere Gegenwart! Zudem ist eine verstärkte persönliche Begleitung von Jugendlichen dringend geboten. Es geht hier nicht vorrangig um den Ausbau von Referatsstellen, sondern um ein vertieftes personales Engagement für Jugendliche in dieser Gesellschaft, in unserer Kirche. Notwendig erscheint eine Pastoral, die prozessorientiert arbeitet. Das gilt auch im Hinblick auf den weiteren Umgang mit dem Brief der Jugendkommission.
Hinter dem Begriff Keuschheit verbergen sich Grundhaltungen und Werte, die für alle Christen und Christinnen gelten. Es ist an der Zeit, diese Werte genauer zu überdenken, zu erläutern und erfahrbar werden zu lassen.
Intensivere Studien und Studientage zum Themenkomplex "Sexualität und Spiritualität" sind wünschenswert. Das Angebot ist dabei nicht nur auf Jugendliche zu beschränken, sondern es sollte auch für junge und ältere Erwachsene, für Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in der Seelsorge, für Ordensleute, Priester, Bischöfe gelten.
Gabriela Grunden
Fachmann: Dr. Ralph Neuberth, Landesseelsorger der KLJB Bayern, München
In der inhaltlichen Debatte wurde ausgehend von den Erfahrungen der Teilnehmenden zunächst darauf verwiesen, dass Sexualität in der kirchlichen Jugendarbeit ein "Minenfeld" sei, das mit vielen Tabus behaftet ist. Die Arbeit mit dieser Thematik erregt gesteigerte öffentliche und innerkirchliche Aufmerksamkeit. Die Reaktionen von Dienstgeberseite werden als oft unberechenbar eingeschätzt. Sie sind zudem auch abhängig von den Briefen bzw. Beschwerden Dritter. Als besonders problematisch wurde angesehen, dass es zum Teil keine Möglichkeit des Dialogs bzw. der Klärung über solche "Anschwärzungen" von dritter Seite gibt.
Die kirchlichen Mitarbeiter stehen somit unter einem vielfältigen Druck von "oben" und von "unten", denn die Jugendlichen erwarten klare Stellungnahmen und eine Vorbildfunktion. So liegt ein enormes Gewicht in der Bewertung des persönlichen Ethos des Mitarbeiters.
Dadurch wird deutlich, dass die bestehende Spannung zwischen Norm und Praxis zu einer Anspannung für kirchliche Mitarbeiter wird. Es entstehen Loyalitätskonflikte und Glaubwürdigkeitsprobleme. Verstummen und der Rückzug in Nischen sind oft die Folge.
In der folgenden Diskussion wurde deutlich, dass diese Drucksituation auch auf den Dienstgebern lastet, es also um eine "Hierarchie der Angst" geht, die von oben nach unten verstärkend wirkt.
Ein weiterer Punkt war die Frage, ob das Thema Sexualität, bei dem die Kirche in der Öffentlichkeit an Glaubwürdigkeit verloren hat, nicht Zeit braucht, bis es sich wieder "erholt" hat. In der Diskussion wurde deutlich, dass die Teilnehmer diese Phase nicht als Rückzug verstehen, sondern als Zeit relativer Ruhe, in der ungestört durch öffentliche Provokation sachliche Arbeit und wertvolle Vorarbeit geleistet werden kann, die dann allerdings durchaus das notwendige innerkirchliche Gespräch wiederbeleben soll.
Als Hauptproblem wurde die Spannung zwischen Norm und Praxis sowie die Frage der Wandelbarkeit von fixierten Normen benannt, die mit dem Brief der Jugendkommission zwar angesprochen wurde, aber als Problemüberhang bestehen bleibt. Die Mitarbeiter sahen sich nicht in der Lage, diese Spannung von sich aus zu bearbeiten und erwarten Unterstützung und Hilfe.
Des Weiteren wurde angesprochen, dass bei vielen das Misstrauen in Reaktionen von "oben" bestehen bleibt und die Angst besteht, mit klaren Stellungnahmen in eine Falle zu geraten. (Das in diesem Zusammenhang angeführte Beispiel, dass von anderen Organisationen ausgeliehene Aufklärungskoffer nur in Jutebeuteln transportiert werden, spricht für sich.)
Auch in diesem Zusammenhang wurde wieder die Frage nach der Situation der Arbeitgeber, letztlich der Bischöfe, gestellt. Wie angstbesetzt ist die Thematik für sie? Unter welchem Druck stehen sie? Verhindern Ängste einen offenen Dialog? Wäre es denkbar im Sinn eines echten Gesprächs, von beiden Seiten solche Ängste zu benennen, um nicht nur auf der Sachebene Argumente miteinander auszutauschen, sondern auch auf der Beziehungsebene - im Sinn der allseits bekannten Kommunikationsregeln - in ein wirkliches Gespräch zu kommen, sich gegenseitig zu öffnen und sich wechselseitig zuzumuten, um so neu Vertrauen zu schaffen?
Ausgehend von den Gesprächsproblemen wurde auch auf die Sprachprobleme verwiesen. Es fehlt oft eine angemessene Sprache, um über Sexualität nicht nur biologisch zu informieren, sondern vertrauensvoll sprechen zu können. Dieses Sprachproblem ist allerdings generell und nicht nur auf die Arbeit mit Jugendlichen zu beziehen. Vielleicht ist darin auch einer der Gründe für das Verstummen vieler zu sehen. So müsste es darum gehen, eine neue Sprechkultur zu entwickeln. Es wurde das Stichwort einer "lyrischen Sprache" genannt.
Ausgehend von der inhaltlichen Debatte und den Problemüberhängen wurden folgende Empfehlungen formuliert:
Die Bischöfe selbst mögen sich der Spannung zwischen Norm und Praxis stellen und einen Prozess der Reformierung der Normen anstoßen. Dies sollte unter Einbeziehung der wissenschaftlichen Theologie und des Volkes Gottes geschehen.
Es braucht eine konsequente Dialogbereitschaft, einen vorsichtigen Umgang mit Sanktionen bzw. eine Reduzierung von Situationen, in denen Sanktionen ausgesprochen werden. Das kann helfen hauptberufliche Mitarbeiter aus der Reserve zu locken, damit sie eigenverantwortlich Position beziehen und authentisch und glaubwürdig gegen Anfechtungen von beiden Seiten handeln können.
Es müsste eine Konzeptbildung für die Ausbildung von Mitarbeitern angegangen werden. So sollte ein Modellkurs entwickelt und Kursmaterialien zur Verfügung gestellt werden, um Mitarbeiter zu befähigen, junge Menschen zu begleiten.
Damit der Dialog weitergeht, sollte in Fortsetzung des Hearings eine Fachtagung geplant werden mit einem vertiefenden Thema. (Ein Vorschlag: "In der Sexualerziehung eine Sprache finden")
Die Diözesanbischöfe sollten durch die Jugendkommission ermutigt werden, ebenfalls auf Diözesanebene ein Hearing anzustoßen.
Inge Rupprecht
Vorbemerkung
Bericht aus Arbeitsgruppe 1:
Perspektiven einer Sexualerziehung aus christlicher Verantwortung
1. Ergebnisse der inhaltlichen Debatte
2. Problemüberhänge, offene Fragen, Forderungen
3. Handlungsempfehlungen an die Jugendkommission der DBK
Bericht aus Arbeitsgruppe 2:
Normen und Werte in der Sexualerziehung
1. Ergebnisse der inhaltlichen Debatte
2. Problemüberhänge, offene Fragen, Forderungen
3. Handlungsempfehlungen an die Jugendkommission der DBK
Bericht aus der Arbeitsgruppe 3:
Homosexualität in der kirchlichen Sexualerziehung
1. Ergebnisse der inhaltlichen Debatte
2. Problemüberhänge, offene Fragen, Forderungen
3. Handlungsempfehlungen an die Jugendkommission der DBK
Bericht aus Arbeitsgruppe 4:
Keuschheit und Ehelosigkeit als Themen der Sexualerziehung
1. Ergebnisse der inhaltlichen Debatte
2. Problemüberhänge, offene Fragen, Forderungen
3. Handlungsempfehlungen an die Jugendkommission der DBK
Bericht aus Arbeitsgruppe 5:
Die besondere Rolle des kirchlichen Mitarbeiters in der Sexualerziehung
1. Ergebnisse der inhaltlichen Debatte
2. Problemüberhänge, offene Fragen, Forderungen
3. Handlungsempfehlungen an die Jugendkommission der DBK