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HuK-Archiv: Texte des Monats |
[Letzte Aktualisierung: 02.04.2002 ] |
Im folgenden nun ein Erlebnisbericht aus einer Lesbengruppe Mitte der 80'er. Die Autorin schildert anhand der beteiligten Lesben die vielfältigen Gründe, sich einer Coming out- bzw. Selbsthilfegruppe anzuschließen. Ein Text mit großem Wiedererkennungswert.
Aus BTS - Zeitschrift der Arbeitsgemeinschaft Beratung-Therapie-Seelsorge, Heft 1/86, S. 12 - 15.
gegenseitige Hilfe zur homosexuellen Emanzipation
Da saß ich nun, ein wenig fröstelnd, im Lesbenkurs der Volkshochschule in Hannover. Mit mir im Raum: ein rundes Dutzend Frauen, das Gros um die zwanzig Jahre alt, manche lesbisch, manche zwischen den Lagern hetero, homo- und bisexuell schwankend. Ursache für mein Frösteln war nicht die Frauengruppe, sondern die kühle Luft in dem unbeheizten Klassenzimmer, wo wir uns ein halbes Jahr am Donnerstagabend für anderthalb Stunden (manchmal auch länger) treffen sollten.
Der erste Abend war reserviert für gegenseitiges Sich-Vorstellen: Die Gruppenleiterin Gabi*, eine Bibliothekarin, veranstaltete regelmäßig Lesbenkurse und konnte aus eigener Erfahrung sprechen, denn sie hatte schon seit Jahren erotische Beziehungen zu Frauen. Später nahm auch ihre Freundin am Kurs teil, eine junge Praktikantin, die in derselben Bibliothek wie Gabi gearbeitet hatte, sehr still war und vor allem wegen ihrer Irokesenfrisur und Punkmontur auffiel.
Sabine war Abiturientin, litt unter der Scheidung ihrer Eltern und besonders unter ständigen Bevormundung ihres eigenwilligen Vaters, bei dem sie lebte. Sie hatte "noch nie was mit Jungen gehabt", konnte sich aber eine Liebesbeziehung zu einer Frau kaum vorstellen. Obwohl Sabine sehr energisch sein konnte, wirkte sie, als lebe sie in ihrer eigenen kleinen Welt, in der sie ihren künstlerischen Neigungen nachging. Mich wunderte es nicht, als ich später erfuhr, daß sie Pantomime machte: Mit ihren großen Augen, ihrer blassen Haut und zierlichen, fast knabenhaften Figur vermittelte sie ein Gefühl von Komik und Melancholie. Sie schien auf der Suche nach sich selbst zu sein, verglich immer wieder die Berichte der anderen mit ihren eigenen Erfahrungen und Empfindungen. Es war verblüffend, wie sehr sie während des Kurses aufblühte, weil sie endlich offen Fragen stellen konnte.
Ganz anders dagegen Jana, mit knapp 16 Jahren die Jüngste. Von Anfang an ein lebenslustiges Mädchen, das schnell mit anderen Menschen Kontakt knüpfte. Janas erfrischende Unbekümmertheit und Offenherzigkeit belebten die Gruppe. Jana ging völlig auf im Coming Out, jener Phase des Erkennens und Akzeptierens der eigenen Homosexualität. Ich freute mich, daß sie ihr Coming Out so früh und so unbeschwert erleben konnte. Natürlich hatte sie auch Konflikte, z. B. mit machen Lehrern und Mitschülern. Doch im großen und ganzen fand sie bei ihrer Mutter, die sie allein erzog, genügend Halt. Jana beklagte sich, daß es so wenig Gleichgesinnte in ihrem Alter gebe - das Durchschnittsalter, in dem Lesben ihr Lesbisch-Sein erkennen und akzeptieren, wird heute auf 24 Jahre geschätzt. Und die Lesben, die sie, Jana, kennengelernt habe, seien alle älter und würden sie als junges Küken nicht ernstnehmen. Ein Problem, bei dem wir im Grunde nicht viel helfen konnten.
Ich selbst war neu in Hannover und wollte mehr über Lesben und ihre Lebensbedingungen dort erfahren. Zwei Jahre zuvor hatte ich - genau im statistischen Alter, nämlich mit 24 Jahren - meine eigene Homosexualität entdeckt. Eine Phase, die ich als beglückend und befreiend empfand. Ich fühlte mich endlich eins mit mir selbst. Fort war jene unterschwellige Unzufriedenheit, die mich unruhig und reizbar gemacht hatte, weil ich ständig spürte, daß ich falsch lebte, aber nicht wußte, was an meinem Leben falsch war. Zuvor hatte ich ein Leben samt Freund und gemeinsamer Wohnung geführt, das allgemeinen Normen entsprach und von Kommilitonen, Lehrern, Nachbarn, Eltern, Arbeitgebern, Kollegen, Freunden, Freundinnen und Bekannten mit gefälligem Wohlwollen gutgeheißen wurde. Doch dieses Leben war falsch, weil es mir versagte, was gefordert ist: mit einem Menschen, mit dem mich wirklich Liebe verbindet, durchs Leben zu gehen. Doch dieser Mensch soll ein Mann sein, so schreibt es die Gesellschaft vor. Und weil nicht die Liebe, sondern die Mann-Frau-Verbindung das Hauptinteresse der Gesellschaft ist, wird systematisch verheimlicht, daß es Frauen gibt, die nur Frauen als Lebenspartner wirklich lieben können. Und deswegen werden diese Frauen auch diskriminiert.
So stark diskriminiert, daß Lydia, die als leitende Angestellte in irgendeiner Art Versicherung arbeitet, sich vor nichts mehr fürchtet, als daß ihre Kollegen Wind davon bekämen, daß sie überhaupt Kontakt zu Lesben hat.
Angst um den Arbeitsplatz - ein Thema, das uns immer wieder beschäftigte. Besonders im Zusammenhang mit den Fällen der Pastoren Klaus Brinker und Hans-Jürgen Meyer, die beide im Herbst 1984 wegen ihrer Homosexualität vom Dienst suspendiert wurden - zur selben Zeit, als der Lesbenkurs lief. Wie alle homosexuellen Menschen steckten diese beiden Männer in einer Zwickmühle: Verheimlichen sie ihre Homosexualität, müssen sie unter dem entwürdigenden Druck des Doppellebens (in ihrem Handeln wie in ihren Worten) leiden. Verheimlichen sie ihre Liebe zum gleichen Geschlecht nicht, müssen sie um ihren Arbeitsplatz, um ihre Mietwohnung, sich vor Zurückweisungen von Mitmenschen und vor tätlichen Angriffen fürchten. Und ein Leben führen, in dem sie ständig Stirnrunzeln, Verlegenheit und Fragen begegnen, ein Leben, das sie ständig erklären müssen.
Erschreckend viele Beispiele für Diskriminierungen konnten wir im eigenen Kreis während des Halbjahreskurses sammeln: Gabis Nachbarn beschmierten ihren Briefkasten, ließen die Luft aus ihren Fahrradreifen und schikanierten sie mit Klingelstreichen und nächtlichen Anrufen solange, bis sie entnervt in einen anderen Stadtteil zog. Und zwar in ein Mietshaus, in dem mehrere Lesben wohnten und Gabi im Falle von Schikanen auf gegenseitige Hilfe hoffte. Nickis Freundin erhielt - sozusagen prophylaktisch - Ladenverbot, als Nicki in einem kleinen Supermarkt jobbte, Nicki selbst wurde nach der Probezeit nicht übernommen. Als Susanne und Hannelore, das "Pärchen" der Gruppe, im Park spazierengingen, wurden sie von Jugendlichen bespöttelt, beschimpft und bedrängt. Von den vielen Konflikten der jüngeren - und auch älteren - Teilnehmerinnen mit dem Elternhaus, ganz zu schweigen.
Auch ein anderer Aspekt der Fälle Brinker und Meyer wurde diskutiert: Homosexualität und Kirche. Wenn diese Gemeinschaft Homosexualität beim Namen nennt, dann zumeist mit Adjektiven wie "unsittlich", "gotteslästerlich", "sündhaft" und "unnatürlich". Es werden Schuldgefühle erzeugt, statt die Liebesfähigkeit zu bestärken. Diejenigen im Kurs, die sich schon lange als Atheistinnen begriffen, waren sich schnell einig, daß die einzige Konsequenz aus dem Verhalten der Kirchen im allgemeinen und im Falle der Pastoren Brinker und Meyer im besonderen nur ein rascher Kirchenaustritt sein könne.
Nur Angelika tat sich damit schwer. Sie war Anfang dreißig, stammte aus kirchlich geprägtem Elternhaus und hatte noch immer eine starke Bindung an ihre Mutter, die wie sie in der Kirche musizierte. Angelika war - nicht nur durch ihre Musik - stark am Gemeindeleben beteiligt und kannte nur wenige Menschen außerhalb der Kirche. Sie war sehr religiös - und ratlos, weil sie nicht wußte, ob die Liebe zum eigenen Geschlecht und die Liebe zu Gott in Einklang zu bringen seien. Angelika war gewohnt, in einer Gruppe starken Halt zu finden und fühlte sich nun isoliert und hilflos, gefangen in ihren Ängsten, sich zu offenbaren. Gerade auch deswegen brauchen Lesben viel Verständnis, denn allein schon das Bekenntnis zur eigenen Homosexualität ist eine große Leistung, der oft ein jahrelanger innerer Kampf vorausgeht.
Fast unmerklich war aus dem Kurs eine Gruppe geworden, die sich gegenseitig unterstützt, und sei es nur durch verständnisvolles Zuhören und dem Austauschen von Erfahrungen - und dem Gefühl, mit dem Problem nicht allein zu sein.
Lesben brauchen Mut, Mut zu ihrer Liebe - und jemand, der sie darin bestärkt. Hier können alle helfen: einfühlsame Eltern, Freunde, Berater, Arbeitgeber, Lehrer, Nachbarn, Bekannte, alle Menschen, besonders aber solche Gruppen, wie sie aus dem Lesbenkurs entstanden sind.
* Name und Beruf z.T. geändert