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  HuK-Archiv: Texte des Monats  

[Letzte Aktualisierung: 02.04.2002 ]

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Archiv: TdM

Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK) e.V.

Aus dem HuK-Archiv: Text des Monats November 1999

Zehn Jahre ist es nun her, daß durch die friedliche Revolution in der DDR die letzten Wochen dieses Staates eingeleitet wurden. In genau jener Zeit erschien in der damals aktuellen Ausgaben des HuK-Infos ein Artikel, der Einblicke in die Schwulen- und Lesbenbewegung der DDR geben wollte. Dieser Bericht soll hier nun wiedergegeben werden. Er ist dem HuK-Info Nr. 79, November/Dezember 1989, S. 22 entnommen

Es geht nicht nur um Bett und Beat

Zum politischen Programm der Homosexuellenbewegung in der DDR Anfang Juni fand in Karl-Marx-Stadt das VIII. (im Programm irrtümlich gekennzeichnet als IX.) Mitarbeitertreffen der schwulen und lesbischen Gruppen in der DDR statt. Beschlossen wurde ein politisches Programm, wie in den nächsten Jahren auf dem Weg zu Gleichberechtigung und Gleichachtung weiter vorangeschritten werden soll.

Delegierte aus etwa 20 Gruppen schwuler Männer und lesbischer Frauen hatten sich versammelt. Im "Gästestatus" - so hieß es ausdrücklich - nahmen auch Vertreter jener Gruppen teil, die sich als "staatlich" verstehen (auch wenn niemand in Karl-Marx-Stadt anzugeben vermochte, ob sie sich mit diesem selbst verordnetem Etikett nun in die Ecke der "nur Sympathisanten" oder etwa der unbeteiligten Zaungäste stellen wollten). Wie immer man sich auch definierte, ob "kirchlich" oder "staatlich", keinen Zweifel gab es: die schwul-lesbische Basis der DDR war unter sich. Und allein schon dieser Umstand wie die Tatsache, daß knapp 100 engagierte Frauen und Männer in die Industriestadt im Südzipfel der Republik gekommen waren, um ein Wochenende lang über Ziele und Effektivität ihrer Arbeit zu beraten, ließ eines sichtbar werden: ein Stück an realistischer, weil bereits stattgefundener Veränderung in der gesellschaftlichen Situation von Schwulen und Lesben in der DDR.

Die Veranstaltung war eines nicht: eine Spinnstube für Idealisten und Träumer. Mit Ernst und Leidenschaft wurde gestritten. Anders als auf Delegiertenversammlungen der letzten Jahre wollte man nicht mehr nur Sammlungsbewegung sein. Auch ging es nicht um Bett und Beat, es ging um mehr. Diskutiert und verabschiedet wurde ein Minimalprogramm, in dem aufgeführt ist, was im einzelnen in der DDR geschehen müßte, um dem Ziel von sozialer Gleichberechtigung und Gleichachtung ein Stück näher zu kommen. Die Forderungen sind weit gespannt. Plädiert wird für eine Änderung der Verfassung. Ihre Ergänzung um einen Artikel soll geprüft werden, der die Diskriminierung wegen Homosexualität ausschließt. Aber auch die korrekte Anwendung bereits bestehender gesetzlicher Regelungen wird verlangt. Die sogenannte Veranstaltungsverordnung (sie regelt das Genehmigungsverfahren für Feten und Feiern in öffentlichen Gaststätten) und ihre willkürliche Auslegung durch Mitarbeiter der Abteilung Inneres bei den örtlichen Stadtverwaltungen sorgt immer wieder für Zess und Zoff. Kritisch angefragt ist die Wissenschaftspolitik und ihre noch immer geübte Abstinenz gegenüber einer systematisch betriebenen Sexualforschung. Auch die Sexualerziehung wurde attackiert. Zwar ist sie - zumindest in der Darstellung ihrer offiziellen Vertreter - ein "gesamtgesellschaftliches" Anliegen", doch diese Leerformel kann eines nicht verbergen: Hinter den Zielen einer Heranwachsenden emanzipierenden Sexualpädagogik ist sie um Jahrzehnte zurück. Sechs Stunden sind für den Sex im neuen, im revidierten Lehrplan der Schulen vorgesehen. Das Ganze schön biologisch und ausschließlich auf Mami- und Pappiwerden ausgerichtet. Von Homosexualität ist nichts zu lesen. Es wird LehrerInnen überlassen, "sinnvoll" auf sie einzugehen. Honi soit qui mal y pense.

Eingeleitet wurde die Tagung mit einem kritischen Resümee und Ausblick auf die Lesbenarbeit in der DDR. "Für die Lesben hat", so Marinka Körzendörfer (Berlin), "die Suche nach lesbenspezifischen Formen der Zusammenarbeit begonnen". Ein eigenes Informationsblatt, Titel: "Frau anders", gibt es bereits.

Als Projekt angedacht sind ein Lesbenarchiv, eine Frauenbibliothek, eine lesbische Finanzzentrale, eine Rechtsberatung für Lesben - Schritte auf dem Weg hin zu einer anderen, Lesben eigenen Art des Findens, Seins und Kämpfens. Eddi Stapel (Magdeburg) resümierte die Schwulenarbeit. Nicht alle schienen bereit, dem von ihm gewiesenen Motto für die zukünftige Arbeit folgen zu wollen: "Von elitär-theoretischer Arbeitskreis-Arbeit hin zu kommunikativer Gemeinschaft und solidarischer Interessenvertretung." Zuviel schimmerte durch an persönlichem Führungsanspruch und messianischem Sendungsbewußtsein, zuviel aber auch vom Verharrungsvermögen und Autonomiebestreben der Gruppen. Stapel weiß das. Umso enttäuschender seine Schlußfolgerung. Sie war tief gestapelt und lautet simpel: "In Zukunft wird alles schwieriger."

Es wird in Zukunft - so wäre hinzuzufügen - sehr wesentlich darauf ankommen, ob und inwieweit sich die Homosexuellenbewegung in der DDR für die praktische Verwirklichung des in Karl-Marx-Stadt beschlossenen Programms engagiert. Auch muß sie Verbündete finden, in vielen gesellschaftlichen Organisationen und Einrichtungen, um das staatlich gegebene Versprechen einzulösen, Lesben und Schwule in die Gesellschaft zu integrieren. Ohne Konflikte und Widersprüche wird das nicht abgehen. In Karl-Marx-Stadt ließen sie sich gerade noch verdeckt halten.

        Reiner Müller