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  HuK-Archiv: Texte des Monats  

[Letzte Aktualisierung: 02.04.2002 ]

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Archiv: TdM

Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK) e.V.

Aus dem HuK-Archiv: Text des Monats Juni 1999

Alle zwei Jahre findet im Juni der Deutsche Evangelische Kirchentag (DEKT) statt. 1993 war er in München zu Gast. In einem resümierenden Bericht in Die andere Welt zeichnen die Autoren nicht nur das Programm der HuK nach, sondern verweisen auch auf die Geschichte der HuK hin, die eng mit Aktionen auf diversen DEKT's verbunden ist. Zumal dort die HuK dort einen Großteil ihrer Außenwirkung erzielt.

Ein Artikel von Roland Hirsch und Frank Lohöfer, aus: Die andere Welt, 7/1993, Seite 8.


Nehmet einander an!

Homosexuelle auf dem Evangelischen Kirchentag in München

Vom 9. bis zum 12. Juni 1993 fand in München unter dem Motto "Nehmet einander an" der 25. Deutsche Evangelische Kirchentag statt. Wenn man sich das Kirchentagsprogramm im Vorfeld durchgeschaut hat, fiel einem auf, daß durchaus Angebote für Lesben und Schwule zu finden waren. Beratung von Lesben für Frauen, durchgeführt von der Organisation Lesben und Kirche (LuK) fanden im Frauenzentrum statt. Die Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK) hatte ihr Münchner Zentrum zu Homosexualität und AIDS mitten im schwulen Viertel der Münchner Innenstadt.

Nur für Frauen

Um die Lesben gab es im Kirchentagsvorfeld heftigen Ärger. Aufgrund der doppelten Diskriminierung von Lesben sollte das Feierabendmahl im Staphanus-Zentrum unter Ausschluß der männlichen Bevölkerung stattfinden. Das Feierabendmahl sollte auch im Kirchentagsprogramm als reine Frauenveranstaltung angekündigt werden. Die Bayerische Landeskirche lief dagegen Sturm. Landesbischof Hanselmann drohte mit disziplinarischen Maßnahmen gegen die Pfarrerinnen. Man einigte sich darauf, den Zusatz im Kirchentagsprogramm "Nur für Frauen" zu streichen. Die lesbischen Frauen appelierten an die Männer, nicht an diesem Gottesdienst teilzunehmen. Pfarrer Leo Volleth von der HuK erklärte: "Die evangelische Kirche muß endlich einsehen, daß Lesben eine Gruppe sind, die vor der Öffentlichkeit geschützt werden muß."

Homosexuelle und Kirche

1977 traten schwule Christen erstmalig auf einem Kirchentag auf. Die Allgemeine Homosexuelle Arbeitsgemeinschaft (AHA) hatte einen Stand auf dem Berliner Kirchentag beantragt, der nicht genehmigt wurde. Klaus Timm […] und Bodo Mende […] organisierten Einmischaktionen mit Transparenten und Flugblättern. Dies war die Geburtsstunde der HuK.

Auf dem Nürnberger Kirchentag 1979 erreichte der HuK-Gründungsvater Heinz Brink, daß die HuK einen Informationsstand auf dem Markt der Möglichkeiten aufstellen durfte. Heute hat sie 800 Mitglieder in 30 Regionalgruppen und ist Mitglied im Deutschen Evangelischen Kirchentag (DEKT) e.V. Sie gilt dort als Fachgruppe für das Thema Homosexualität.

In München gestaltete die HuK zum ersten Mal einen offiziellen Eröffnungsgottesdienst am ersten Abend in der katholischen St. Paul Kirche statt. In der Pressekonferenz des DEKT hatte Generalsekretär Krause erklärt, daß die Gestaltung eines der 50 Eröffnungsgottesdienste durch die HuK ein deutliches Zeichen der Annahme sei seitens der evangelischen Kirche gegenüber Homosexuellen.

Die Predigt hielt Prodekan Gerhard Althaus, Nürnberg: "Homosexuelle müssen in unserer Kirche als Gleichwertige behandelt werden. Sie müssen genauso gleich geachtet werden wie Heterosexuelle." In seiner Predigt gedachte er auch der Rosa-Winkel-Häftlinge, die im nahegelegenen KZ Dachau ermordet wurden.

Markt der Möglichkeiten

Auf dem Messegelände waren in fünf Hallen 600 Gruppen, Initiativen und Vereine mit Infoständen präsent. Der Markt der Möglichkeiten ist heute das pulsierende Herz des Kirchentags. Es spiegelt die Vielfalt der Kirche wieder; vertreten waren politische Organisationen und Parteien, Dritte-Welt-Initiativen, Jugendverbände, Frauengruppen, Selbsthilfe- und kirchliche Organisationen. Am Stand der HuK drängten sich viele Neugierige und Interessierte. Auch wurden die ständig wiederkehrenden Fragen der Kirchentagsbesucher nach Entstehung und Heilbarkeit von Homosexualität und der Unvereinbarkeit von Homosexualität und Christsein beantwortet. Besonders Interessierte oder auch nach einem intensiven Beratungsgespräch Suchende wurden auf das HuK-Zentrum hingewiesen.

Lebenshilfe durch Gespräch

Die seit Jahren bestehende HuK-Arbeitsgruppe "Beratung auf Kirchen- und Katholikentagen" besteht aus Pfarrern, Psychologen, Ärzten, Laien, die Einzel- und Gruppengespräche führen. Zur Beratung kommen Menschen, die Probleme mit ihrer eigenen Homosexualität haben, und solche, die ihre Homosexualität nicht mit ihrem Glauben verbinden können. Viele suchen anonyme Beratung, da sie sich an ihrem Heimatort niemandem anvertrauen können oder wollen. Für manche ist dies das erste offene Gespräch über ihre Sexualität.

Die Beratergruppe bot Gruppengespräche an zu Coming out, spätem Coming out, Homosexualität und Gemeinde, Homosexualität von Angehörigen, schwule Väter und Bisexualität. Neben der Beratungsarbeit gab es Podiumsdiskussionen mit Publikumsbeteiligungen , Theater, Bibelarbeiten, Selbsterfahrungsgruppen, Gottesdienst und Fete. Zwischen den Veranstaltungen war Zeit, sich in der Cafeteria kennenzulernen und zu stärken.

Annahme verweigert

"Die Kirche hat von uns zu lernen, was Sexualität ist", sagte der Sexualpädagoge Prof. Dr. Helmut Kentler auf einer Veranstaltung der HuK zum Kirchentagsmotto. "Die Kirche glaubt immer noch, Sexualität sei das Fremdwort für Fortpflanzung."

Zum Motto stellte der Jurist Dr. Lutz van Raden fest: "Annahme ist nicht die Regel. Annahme wird verweigert im Beruf, Familie, Kirche und Gesellschaft." Offen schwul lebende Pfarrer werden in der hannoverschen Landeskirche nicht geduldet.

Pfarrerin Christiane Sinning warf die Frage auf, wieso so viele Lesben und Schwule noch in dieser Kirche seien. Der starke Zulauf, den die Zentren von LuK und HuK hatten, zeigte, daß noch viele Schwule und Lesben Hoffnung auf Veränderung ihrer Kirche haben und bereit sind, dafür zu kämpfen. Frau Sinning vertrat den Standpunkt, daß man in der bürgerlichen Gesellschaft die Ehe und den Segen für Homosexuelle fordern muß, um etwas zu bewirken.

Hoffnung auf die Herbstsynode

Der bayerischen Herbstsynode liegen Anträge vor, die sich mit dem Thema Homosexualität und Kirche beschäftigen. So wird ein Schuldeingeständnis der Kirche gefordert, in dem Diskriminierung und Kriminalisierung von Homosexuellen verurteilt werden soll. Ferner darf es keine Berufsbeschränkungen und -verbote für Homosexuelle geben. Ein dritter Antrag fordert die Zulassung der Segnung homosexueller Partnerschaften. Ob diese Anträge angenommen werden ist fraglich.

Wenn Homos feiern

Kultureller Höhepunkt war das von HuKlern inszinierte "Schwungelbuch" über das Coming out des Wolf-Dietrich und die Lebenshilfe seines schwulen Onkels Balu.

Mit ihrem Feierabendmahl zeigte die HuK, daß Homosexualität, Kirche und Christsein durchaus sehr gut zusammenpassen können. Der Kirchentag hatte beschlossen, daß alle Kollekten dieses Abends der Münchner AIDS-Hilfe zugute kommen. Als Grund wurde genannt, daß AIDS aus dem Bewußtsein der Menschen geraten sei, obwohl sich täglich Menschen infizieren und erkranken. Allein im HuK-Gottesdienst wurden 4017,-- [DM] gesammelt. Das Gefühl von Gemeinschaft und Nicht-allein-sein war sehr intensiv. Dieses Gefühl von Annahme konnte jeder im Rucksack mit nach Hause nehmen.