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  HuK-Archiv: Texte des Monats  

[Letzte Aktualisierung: 02.04.2002 ]

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Archiv: TdM

Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK) e.V.

Aus dem HuK-Archiv: Text des Monats Februar 1999

Zur Flugblattaktion der 'Christen für Wahrheit'

Den beiden folgenden Texten ist eine Flugblattaktion der 'Christen für Wahrheit' e.V., abgekürzt cft (für: christians for truth), vorausgegangen. In deren Flugblatt wurde mit biblischen Zitaten Homosexualität per se als Sünde dargestellt und eine "Befreiung von der Homosexualität" durch "Hinwendung zu Jesus Christus" propagiert.

Der Vorgang zeigt sehr deutlich, daß auch in den 90’ern eine Auseinandersetzung mit den Argumenten gefordert wird, die uns seit Beginn der HuK entgegengehalten werden.


Als Antwort auf die Handreichung des cft gab die HuK-Göttingen folgende Presseerklärung heraus:

Presseerklärung der HuK-Göttingen

Am Donnerstag, dem 13.10.1994 haben Mitglieder einer Gruppe namens "Christen für die Wahrheit e.V." in der Zentralmensa der Göttinger Universität ein Flugblatt mit dem Titel "Homosexuell - Lesbisch - Schwul ???" verteilt.

Der "Inhalt" dieses Pamphlets besteht zum größten Teil aus einer weitgehend unkommentierten Aneinanderreihung von Bibelzitaten. So werden z.B. die bei solchen Gelegenheiten immer beliebten Stellen aus dem 3. Buch Mose und aus dem Römerbrief aufgeführt.

Homosexualität ist demnach "Sünde"; Lesben und Schwule sind "Unzüchtige", die der Vergebung Gottes bedürfen. "...Wer an der Sünde festhält, ist vom Reich Gottes ausgeschlossen." Durch die klare "Hinwendung zu Jesus Christus" wird von den VerfasserInnen aber "Befreiung von der Homosexualität" verheißen.

Die Göttinger HuK erklärt dazu folgendes:

1.: In allen evangelischen Landeskirchen, die sich in den letzten Jahren zum Thema Homosexualität geäußert haben, wird nicht mehr davon gesprochen, daß Homosexualität Sünde sei. Ganz im Gegenteil verlautbarte die Brandenburgische Landeskirche, daß Homosexualität "weder sündhaft noch krankhaft" sei. Dieser Meinung schloß sich die Rheinische Landeskirche 1992 in ihrer Handreichung "Homosexuelle Liebe" an. Auch in der Hannöverschen Landeskirche ist diese Einstellung Konsens, obwohl nach wie vor umstritten ist, wie mit Lesben und Schwulen in der Kirche -vor allem, wenn sie PastorInnen werden wollen - umzugehen sei. All dies scheint die VerfasserInnen des Flugblattes unberührt zu lassen. Sie bewegen sich jedenfalls außerhalb eines breiten innerkirchlichen Konsens’.

2.: Die Aneinanderreihung von unkommentierten und aus dem Zusammenhang gerissenen Bibelzitaten ist nicht nur unredlich, sie beweist auch gar nichts. Kirchen und Theologen sind in der Interpretation dieser Texte schon viel weiter. Wie bei Fundamentalisten üblich, werden Texte hier wörtlich genommen, ohne daß der historische und der gesellschaftliche Hintergrund der Zeit und ihrer Entstehung beachtet werden.

3.: Es ist ein Skandal, daß evangelikale, fundamentalistische Grüppchen wie die "Christen für die Wahrheit" den Diskussionsprozeß in den evangelischen Landeskirchen zu konterkarieren versuchen! Derartige Umtriebe gibt es nämlich nicht nur in Göttingen oder der Hannöverschen Landeskirche, sondern überall, wo die Kirchen sich offiziell mit dem Thema Homosexualität auseinandersetzen und evangelikale Betonköpfe befürchten, daß es zu einer Öffnung kommen könnte. Die "Christen für die Wahrheit" haben sich durch die Machart ihres Flugblattes eigentlich lächerlich gemacht und dürften nicht ernst genommen werden. Im Lichte der bundesweiten Aktivitäten solcher Grüppchen sind wir allerdings der Meinung, daß dem Einhalt geboten werden muß. Dazu rufen wir auch die Kirchenleitung der Ev.-luth. Landeskirche Hannover auf, deren Synode sich im vergangenen Jahr eindeutig gegen die Diskriminierung von Lesben und Schwulen ausgesprochen hat.

4.: Ein solches Flugblatt - wie auch andere seiner Art - leisten der Diskriminierung von Lesben und Schwulen in unserer Gesellschaft Vorschub. Der Tenor dieses Flugblattes ist das geistige Rüstzeug für diejenigen, die antihomosexuelle Gewalt verüben. Es stellt einen indirekten Aufruf zur Gewalt dar und ist deshalb auf das schärfste zu verurteilen.

5.: Die HuK Göttingen ist froh, daß das Klima - zumindest in den meisten Gemeinden - hier in Göttingen ein anderes ist und hofft, daß Machwerke wie das genannte Flugblatt Randerscheinungen bleiben.

Für die Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche, Regionalgruppe Göttingen

Carsten Ertl, Sprecher


Der Gemeinderat der ksg (Katholische Studentengemeinde) Göttingen verfaßte zu dem Thema am 3.11.1994 folgenden Brief:

Brief der ksg Göttingen

An die Vereinigung "Christen für die Wahrheit" e.V.

Sie ließen am 13.10. in der Zentralmensa Flugblätter mit der Überschrift "Homosexuell-Lesbisch-Schwul ???" verteilen. Der höchst unchristliche Inhalt bestand aus einer Aneinanderreihung von Bibelzitaten und deren sinnentstellende Kommentierung. So seien Homosexuelle "Unzüchtige" und "...wer an der Sünde festhält, ist vom Reich Gottes ausgeschlossen". Doch Gottes Wort verheiße "...nicht nur Vergebung, sondern auch Befreiung von der Homosexualität" und diese "Befreiung" fänden Menschen "nur in der Hinwendung zu Jesus Christus".

Der Gemeinderat der Katholischen Studenten Gemeinde Göttingen kann dieses Flugblatt nur als Pamphlet betrachten, das homosexuelle Menschen und ChristInnen diskriminiert und die Botschaft Jesu Christi verunglimpft. Daher bleibt dem Gemeinderat als einzige Möglichkeit die scharfe Verurteilung und die Zurückweisung dieses Schriftstückes.

Welchen Grund gibt es eigentlich für Sie, Homosexuelle auf diese Art und Weise anzugehen, als ob die "Befreiung von der Homosexualität" Ihr einziges Ziel sei. Die Methode des Flugblattes unter Verwendung von Bibelzitaten läßt allein den Schluß zu, daß es nicht um die Menschen geht - was auch immer für Gedanken ‘in einem Gehirn spucken müssen’, um Menschen von der Homosexualität "befreien" zu wollen - sondern daß Sie einzig und allein um eine Profilierung in konservativ-fundamentalistischen Kreisen bedacht sind.

Zudem verwenden Sie Ihre Bibelzitate ignorant und buchstabengetreu im schlechtesten Sinne. Natürlich werden von Ihnen dann auch nicht die Hintergründe der Entstehung und die Absichten der Autoren berücksichtigt, sodaß die gesamte Aussage wissenschaftlich-theologisch unseriös wirkt und mit einem Schmunzeln bei Seite gelegt werden könnte, wenn ihr Inhalt nicht so gefährlich, diskriminierend und beleidigend wäre: mit solchen Machwerken sind Sie geistiger Brandstifter, der letztlich zur Gewalt gegen Homosexuelle auffordert.

Daß es Sexualität in unterschiedlicher Ausprägung gibt, ist ein Faktum und unser christliches Menschenverständnis läßt uns auch die von Ihnen so bekämpften homosexuellen Menschen achten und schätzen. Ihre Sexualität, auch wenn sie nicht auf Fortpflanzung fixiert ist, kann - sofern sie angenommen und verantwortlich gestaltet wird - die Liebe und Partnerschaft zwischen Schwulen und zwischen Lesben bereichern und vertiefen. Keine Ausprägung von Sexualität kann somit a priori über die andere gestellt werden.

Allein schon deshalb, weil Ihr Flugblatt homosexuell lebende Menschen diskriminiert und diffamiert, stehen Sie außerhalb des christlichen Konsenses und der Botschaft Christi.

Daher mißbilligen wir die Verwendung des Wortes "Christen" innerhalb Ihres Vereinsnamens auf’s Schärfste; Ihren Bezug auf den Geist Christi erkennen wir nicht an.

Roland Müller

Gemeinderat