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HuK-Archiv: Texte des Monats |
[Letzte Aktualisierung: 02.04.2002 ] |
Die folgenden Artikel stellen Momentaufnahmen dar, in denen Lesben nach neun Jahren Lesbenbewegung eine erste Rückschau halten.
Auffallend daran, daß die Lesbenbewegung noch oft in bezug zur Schwulenbewegung gesehen wird. In späteren Rückblicken wird dieser Punkt unbedeutender. Die Lesbenbewegung sieht ihre Anfangsimpulse nicht mehr aus einer Abgrenzung zur Schwulenbewegung kommend, sondern sie entstand als bewußter Zusatz zur oder Abspaltung von der Frauenbewegung aus Berlin. Siehe dazu: M. Maibach u.a.: Lesbische Identität und politisches Selbstverständnis, in: K Lahusen u.a.: Konsequent uneinig. Lesbenfrühlingstreffen 1992, Dokumentation, S. 19-25, besonders S. 21.
Die folgenden Artikel stammen aus der taz vom 23.5.1980, S. 12 und haben diverse Verfasserinnen.
Rosa von Praunheim zeigt den Film "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Gesellschaft, in der er lebt." Anläßlich dieser Veranstaltung treffen sich etwa 100 Schwule, um eine Homosexuellengruppe aufzumachen. Dabei sind auch einige wenige Lesben, die ebenfalls eine Gruppe bilden wollen.
Beim Pfingsttreffen der homosexuellen Männer treffen sich auch 10 Lesben. In Berlin wird innerhalb der HAW (Homosexuelle Aktion Westberlin) eine Frauengruppe gebildet. In der Zeit von Februar 1972 bis November 1972 besuchen etwa 100 Frauen die HAW.
15 Frauen der HAW-Frauengruppe und 35 Frauen des Frauenzentrums führen eine Protestaktion durch anläßlich der Bild-Serie: "Die Verbrechen der lesbischen Frauen". An 7 zentralen Plätzen Westberlins werden 10.000 Flugblätter verteilt.
In der von der SEW (Sozialistische Einheitspartei Westberlins - DKP-Schwesterorganisation gibt es zum ersten Mal in der Geschichte des 1.Mai einen Schwulen- und Lesbenblock.
Gemeinsames Pfingsttreffen der Schwulen und Lesben. Thema: "Die Homosexualität ist nur ein Spezialfall der allgemeinen Sexualunterdrückung" (Göttin waren wir damals angepaßt!). Es kamen etwa 50 Frauen.
Im Fernsehen läuft der Film "Zärtlichkeit und Rebellion", von Eva Mürthel. Es ist der erste Film im deutschen Fernsehen, der sich speziell und ausschließlich mit Lesben beschäftigt.
UKZ - Unsere Kleine Zeitung - herausgegeben von berufstätigen Lesben erscheint.
C.F.Sigfried dreht mit der HAW-Frauengruppe den Film: "Und wir nehmen uns unser Recht". In dem Film wird die Adresse der Gruppe angegeben. Daraufhin bilden sich in vielen westdeutschen Städten Lesbengruppen.
Zum Pfingsttreffen, daß noch unter dem Namen HAW-Frauengruppe, aber bereits mit einer eigenen Einladung (unabhängig von den Männern) gemacht wird, kommen 200 Frauen.
Frauen der HAW machen mit anderen Frauen eine Aktion im Gerichtssaal anläßlich des Prozesses Marion Ihns/Hudy Anderson in Itzehoe.
Als erste Lesbenzeitung erscheint die No.1 der Lesbenpresse in Berlin.
Inzwischen hat sich die HAW-Frauengruppe in LAZ - Lesbisches Aktionszentrum - umgenannt. Es kommen 300 Frauen.
In Berlin findet das erste Frauenfest statt.
Beim internationalen Tribunal "Gewalt gegen Frauen" in Brüssel besetzen einige 1.00 Lesben die Bühne.
Auf der ersten Berliner Frauenkonferenz beschließen Vertreterinnen konventioneller Frauenorganisationen und Feministinnen eine Resolution gegen die Diskriminierung lesbischer Frauen.
Die Pfingsttreffen 1976, 1977 und 1978 finden in Berlin statt, das von 1979 in Münster.
Zum Christopher-Street-Day gehen in Bremen und Berlin mehrere 100 Lesben gemeinsam mit den Schwulen auf die Straße.
Unterschied zu früher: Bei beiden Demonstrationen sind die Hälfte Lesben!
‘Lesbenstich’, eine neue Lesbenzeitung erscheint.
Und außerdem: es geht weiter.....
[Verfasserin ist nicht angegeben, Anm. HuK-Archiv]
im gegensatz zu den frauen hatten die männer sehr schnell eine grundsatzerklärung mit einem festen organisationsstatut. die notwendigkeit einer grundsatzerklärung (wir nannten sie selbstverständnis) wurde bei uns so ziemlich akzeptiert, nicht aber ein starres organisationsmodell mit mitgliedern, beiträgen, probezeiten, ausschuß, delegiertenrat, plenum usw.. uns war das alles zu starr und bürokratisch (wobei man allerdings berücksichtigen muß, daß die männer wesentlich mehr waren als wir).
obwohl wir uns von anfang an dagegen aussprachen, versuchten einige männer immer wieder, uns in ihre oder eine ähnliche struktur hineinzupressen. bei diesen diskussionen stellten wir dann recht bald fest, daß schwule männer oft genauso beschissene chauvinistische verhaltensweisen an den tag legen wie alle anderen (z.b. dominanz bei diskussionen, beeinflussung von entscheidungen, die für frauen wichtig waren, nicht für männer, usw.) und dieses verhalten dann durch großartige theorien bzw. mit dem argument des "helfen-wollens" legitimieren.
Was haben wir mit den homosexuellen Männern gemeinsam? Beide werden wir aufgrund unseres Interesses am gleichen Geschlecht isoliert von den sogenannten Normalen und damit auch von den politischen Gruppen. Jedoch mußten wir feststellen, daß unsere Unterdrückung grundsätzlich eine andere ist, als die der Männer, (wodurch gemeinsame Aktionen nur dort möglich sind, wo Homosexualität allgemein dikriminiert wird). Aber auch hier bleibt die Gemeinsamkeit an der Oberfläche haften. Dazu kommt, daß die Männer bereits die Öffentlichkeit beherrschen, häufiger aus politischen Organisationen kommen, während Frauen gerade dabei sind, den ersten Schritt in die Öffentlichkeit zu tun. Daher ist es klar, daß sie andere Formen der Organisation, Agitation und politischer Arbeit haben müssen.
Was haben wir mit den Frauen gemeinsam?
Wir sind Frauen, und als solche teilen wir die untergeordnete Rolle im Arbeitsbereich, in der Sexualität und in der gesellschaftlichen Stellung überhaupt. Aber wir sind nicht nur Frauen, wir sind schwule Frauen und bilden eine diskriminierte Minderheit in der diskriminierten Mehrheit. Diese Tatsache unterscheidet uns doch grundsätzlich von den heterosexuellen Frauen der Frauenbewegung.
Aus der Dokumentation der HAW-Frauengruppe
frühjahr 1976
manchmal wenn wir wie so oft zusammensitzen in einklang, vertrautheit, einander geöffnet, kritikfähig schon irgendwo, meist lustig, unverbissen.
manchmal wenn wir so beieinandersitzen, werde ich still / bin nicht mehr geöffnet, lustig, unverbissen, manchmal werde ich traurig dann, frauen. zwar beobachte ich euch aufmerksam. zwar beäuge ich euch mit ganzer intensität. zwar waren noch soeben die meisten meiner bedürfnisse durch euch befriedigt: zugehörigkeitsgefühl, verbundenheit von persönlichkeit und politik, bedürfnisse nach wärme, zärtlichkeit, bewußtwerdung. noch wiege ich mich in den anflügen der ahnung dessen, was sein wird, wenn menschen gelernt haben, menschlich miteinander umzugehen. noch wiege ich mich in der sicherheit unserer gemeinsamen solidarität. noch wiege ich mich in dem bewußtsein, wie sehr ich mich in der auseinandersetzung mit euch , im täglichen kampf schon verändern konnte, wie beglückend und tief diese auseinandersetzung für mich ist, wie sehr sie zu dem boden geworden ist, auf dem ich stehe. die elementarste meiner bisherigen erfahrungen: mein inhalt - der keine trennung von außen und innen, von intim und öffentlich, privat und politisch bedeutet. noch wiege ich mich in dem sanften glück dessen, was schon erreicht ist, wenn mich schon wieder die traurigkeit des noch unmöglichen befällt. / weiß ich doch endlich, wonach ich so angestrengt suche und das ohne angst endlich. möchte es laut in die welt schreien. möchte toben. mich wie ein kind in pfützen schmeißen. mich besudeln mit dem endlich aufrechten wissen; dem endlich zielstrebigen bedürfnis: ich will eine frau lieben. ich bin fähig, eine frau zu lieben. still werde ich heraus aus den widersprüchen der hölzernen schranken um die ich weiß. / wo und mit wem soll ich meine gefühle leben? ausleben, aus mir heraus leben. - denn das hieße es ja, denn ich kann nicht mehr trennen zwischen außen und innen, zwischen intim und öffentlich, zwischen privat und politisch. alles - ich bin komplex. ganz. und was würdet ihr tun, wenn ich ich so leben könnte, wie ich bedürfnisvoll bin? würdet ihr versuchen nachzuvollziehen? oder sind das nicht eure probleme? ich sage, sie sind unser aller probleme. nicht nur die der lesben und der schwulen.