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HuK-Archiv: Texte des Monats |
[Letzte Aktualisierung: 02.04.2002 ] |
Der folgende Artikel aus der Süddeutschen Zeitung wirft eine Blick auf den Umgang mit der Tatsache, daß im 3. Reich auch Homosexuelle systematisch verfolgt und in KZ’s deportiert wurden.
Aus: Süddeutsche Zeitung Nr. 123, 30.5.1988. Autor: Jürgen Zarusky.
Nachbemerkung, Juli 2000: Wie immer bei Archiv-Material, gibt der Artikel die Situation in der damaligen Zeit (hier 1988) wieder. Der Autor hat uns jetzt gebeten, darauf hinzuweisen, dass sich die dort beschriebene Situation schon seit längerem grundlegend geändert hat. Der Gedenkstein für die im KZ Dachau verfolgten Homosexuellen befindet sich schon seit mehreren Jahren im allgemeinen Gedenkraum im Museum der Gedenkstätte; in der in Arbeit befindlichen Konzeption für die neue Ausstellung, die in der Gedenkstätte entstehen soll, wird auch das Schicksal der homosexuellen KZ-Häftlinge dargestellt. Er schreibt auch: Im übrigen möchte ich Sie auf den informativen Aufsatz von Albert Knoll "Totgeschlagen - Totgeschwiegen. Die homosexuellen Häftlinge im KZ Dachau" in den Dachauer Heften 14 (1998) hinweisen.
Dachau - Seit einigen Tagen ist im Innenhof der evangelischen Versöhnungskirche auf dem Gelände der KZ- Gedenkstätte Dachau eine dreieckige Steintafel angebracht, die die Inschrift trägt: „Totgeschlagen - totgeschwiegen - den homosexuellen Opfern des Nationalsozialismus“. Eigentlich sollte diese Tafel ihren Platz im sogenannten Devotionalienraum der Gedenkstätte finden, wo auch andere Verfolgtengruppen an ihre im KZ Dachau umgekommenen Angehörigen erinnern. Doch das internationale Dachaukomitee, die Vertretung der ehemaligen politischen Häftlinge, verweigert diesem Ansinnen zweier Münchner Homosexuellen-Initiativen, des Vereins für sexuelle Gleichberechtigung (VSG) und der ökumenischen Arbeitsgemeinschaft Homosexuelle und Kirche (HuK), seine Zustimmung. In diesem Konflikt, dessen Anfänge bereits drei Jahre zurückliegen, sollen jetzt auf Wunsch des Kuratoriums der Versöhnungskirche die bayerische evangelische Landeskirche und der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland zu vermitteln versuchen.
Angeregt durch die Anbringung einer Gedenktafel für die verfolgten Homosexuellen in der österreichischen KZ-Gedenkstätte Mauthausen im Jahre 1984, hatten im Februar 1985 die beiden Homosexuellen-Initiativen dem Dachaukomitee mitgeteilt, daß sie anläßlich der Feiern zum 40. Jahrestag der Befreiung des Lagers in Dachau ähnliches beabsichtigen. Aus Brüssel, wo das Komitee seinen Sitz und sein Büro hat, kam die Antwort, das sei nicht möglich. Darüber müsse eine Generalversammlung des Komitees befinden, eine solche werde aber frühestens am Vorabend der Befreiungsfeier zustande kommen. Sie kam jedoch nicht zustande. Im Mai 1986 entschied dann schließlich doch der Verwaltungsrat des Komitees über den Antrag - negativ. Die beiden Gruppen, denen vorwiegend jüngere Homosexuelle angehören, erfuhren davon, hatten aber nach drei Wochen noch immer keinen schriftlichen Bescheid erhalten. In einem verbitterten Brief, den sie daraufhin nach Brüssel sandten, protestierten sie gegen diese Entscheidung des Komitees. Diese sei „eine Beleidigung, die jedes zivilisierten Menschen unwürdig ist“. Das Häftlingskomitee setze damit die Tradition des Nazismus fort. Eine Erklärung des Komitees dazu oder zu seiner Entscheidung erfolgte bis heute nicht. Immerhin ist aber so viel zu erfahren, daß einige Briefe, die schon vor der Entscheidung an das Komitee gerichtet wurden, dort erhebliche Verärgerung hervorgerufen haben. Ob dabei der offizielle Briefwechsel gemeint ist, in dem von seiten der Homosexuellengruppen mehrfach die vorwurfsvolle Mahnung „Wer die Verbrechen an Homosexuellen verschweigt, billigt sie letztlich“ erhoben wurde, oder ob es sich um noch schärfer formulierte Briefe einzelner handelt, bleibt offen. Nach der negativen Entscheidung des Komitees wurden dann jedenfalls Homosexuellengruppen aus der ganzen Welt zu Protesten aufgerufen, unter denen einige, wie auch vom VSD konzediert wird, „über das Ziel hinausgeschossen sind“. Eugen Kessler, deutscher Vertreter im Dachaukomitee, berichtet sogar von ausgesprochenen Schmutzbriefen.
Neben diesen Irritationen gibt es jedoch noch tieferliegende Gründe für die Haltung der ehemaligen Häftlinge. Von manchen kann man hören, daß die inhaftierten Homosexuellen keine Widerstandskämpfer gewesen seien, die Gedenkstätte aber vor allem an den Widerstand erinnern solle. Besonders aber scheint von Bedeutung zu sein, daß die politischen Häftlinge Homosexualität im Lager in verabscheuungswürdigen Formen erlebten. So gibt es etwa eine Reihe von Zeugnissen dafür, daß kriminelle Kapos ihre Macht ausnützten, um sich jugendliche Häftlinge als Liebhaber zu halten. In den seltensten Fällen waren das allerdings Männer mit dem rosa Winkel, dem Abzeichen der wegen Homosexualität Inhaftierten. Sie gehörten zu den am stärksten terrorisierten Gruppen im Lager.
Sollte nach der einwöchigen Mahnwache der Homosexuellengruppen in der Versöhnungskirche und der provisorischen Anbringung ihres Gedenksteins dort nun eine Vermittlung der EKD stattfinden, wird sie wohl von allen Beteiligten eine neuerliche Auseinandersetzung mit einer schwierigen Vergangenheit verlangen, die noch lebendig genug ist, um immer neue Probleme aufzuwerfen.