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HuK-Archiv: Texte des Monats |
[Letzte Aktualisierung: 02.04.2002 ] |
Der Text dieses Monats ist ein Artikel des Theologen und Pfarrers Heinz Brink, einer der Gründungsmitglieder der HuK. Er führt dabei zentrale Argumente zum Themenkreis Homosexualität - Bibelauslegung - Gemeindeleben aus, die auch heute noch (mit Ausnahme wohl des sexualwissenschaftlichen Teils) in Diskussionsrunden ihre Dienste tun können. Aus: Evangelisches Monatsblatt, September 1978, S. 8. Autor: Heinz Brink.
Als ich vor einigen Jahren mein Gemeindevikariat begann, wurde ich von meiner Mentorin den verschiedenen
haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern vorgestellt. Auf dem Weg zu einer Probe des Kirchenchores flüsterte
sie mir zu: Achten Sie mal auf Herrn NN, der ist nämlich homosexuell! Ich entgegnete: Na und? Das bin
ich auch. Betretenes Schweigen von ihrer Seite. Ich fügte hinzu: Und wenn ihr Sohn so wäre...?
Diese Episode ist ein Beispiel dafür, wie schwer sich die Kirche mit ihren Homosexuellen tut. Sie leben meist
unerkannt unter uns, als Gemeindemitglieder, Pfarrer und andere Mitarbeiter, Gemeindekirchenräte usw.
Schikanen und Verachtung von seiten der Kollegen und der Gemeinde sowie Schwierigkeiten bis hin zur
Entlassung durch den Arbeitgeber Kirche zwingen sie dazu, ein menschenunwürdiges Doppelleben zu führen.
Stete Angst vor einer Entdeckung macht viele kaputt, Ablehnung und Verachtung tun weh. (Ich empfehle, die
Lebensläufe aus dem Buch Ins Getto gedrängt, hrsg. von H. G. Jaekel, zu lesen. Lutherisches Verlagshaus,
Hamburg, 9,80 DM.)
All dieses ist mit dem Evangelium unvereinbar. Das beginnt die Kirche allmählich zu erkennen. Ein Zeichen
dafür ist die Denkschrift zu Fragen der Sexualethik&146;, die zu dieser Frage immerhin feststellt: Die
weitverbreitete, unreflektierte Verurteilung der Homosexualität als widernatürliches schuldhaftes Verhalten
darf nicht beibehalten werden. Auch die Seelsorge beginnt ihr homosexuelles Klientel zu entdecken: So hat
kürzlich die bayerische Landeskirche einen ihrer Pfarrer offiziell mit der Seelsorge von Homosexuellen
beauftragt.
Das sind ermutigende erste Schritte, doch reichen sie nicht aus. Sicherlich, es gibt unter Homosexuellen wie bei
allen anderen Menschen auch ein Bedürfnis nach Seelsorge und Beratung. Sie ist darum nötig und
wünschenswert. Doch schwebt sie noch eigentümlich in der Luft, denn sie hat kein gesamtkirchliches Ziel. Mit
anderen Worten: Sie hat nur in den seltensten Fällen die Möglichkeit, ihre Klienten als vollwertige und
akzeptierte Menschen in die Gemeinden einzugliedern. So ist ihr Ergebnis oft nur, daß der Homosexuelle seine
Einsamkeit besser erträgt, an der Ablehnung der anderen nicht zugrunde geht, (im besten Fall) einen Freund
oder einen Kreis von Gleichgesinnten findet. Sie führt ihn aber nicht aus dem Getto heraus, sie ändert nichts an
seiner Stigmatisierung. Eine solche Seelsorge hält mithin nur den derzeitigen Status quo aufrecht, macht
vielleicht für einzelne die Diskriminierung erträglicher, ändert aber nichts an den Ursachen der Probleme.
Etwa 10 Prozent der Bevölkerung verhalten sich überwiegend homosexuell, weitere 40 Prozent kennen mehr
als beiläufige homosexuelle Reaktionen - so die neuesten Forschungsergebnisse. Diese Zahlen zeigen, daß es
sich hier nicht um die persönlichen Schwierigkeiten einer kleinen Minderheit handelt, sondern daß es um das
Schicksal von Millionen Menschen geht. Ihre vorurteilsfreie Aufnahme in die Gemeinden und Kirche ist längst
überfällig: Es muß endlich deutlich werden, daß auch sie zum Leib Christi gehören. Voraussetzung dafür ist
vor allem die Information: Information innerhalb der Kirche über Homosexualität und Information der
Homosexuellen über die Haltung der Kirche. Diese notwendige öffentlichkeitsarbeit aber scheut die Kirche
noch - aus begreiflichen kirchenpolitischen Gründen. Sie nimmt dabei - bewußt oder unbewußt - in Kauf, daß
unzählige homosexuelle Christen weiterhin in Angst leben müssen - oder aus der Kirche austreten.
Die Kirche hat den Homosexuellen gegenüber eine große historische Schuld abzutragen. Ist es doch zu einem
wesentlichen Teil ihr Verdienst, daß viele von ihnen bis heute in Angst, Verzweiflung, ja sogar Tod
getrieben werden (die Selbstmordrate ist unter Homosexuellen besonders hoch). Scheinbar gerechtfertigt wird
diese Ablehnung durch verschiedene Bibelstellen, die durch die historisch-kritische Bibelexegese zwar längst
als zeitgebundene antike Kult- und Moralvorstellungen entlarvt wurden - und darum für uns genausowenig
Gesetzeskraft haben wie etwa die Stellung des Paulus zur Frau oder zur Sklavenfrage -, trotzdem aber immer
wieder zur Rechtfertigung der eigenen Vorurteile bzw. zur Verschleierung der eigenen Homosexualitätsangst
herangezogen werden:
1. Mose 19 handelt von einer (homosexuellen) Vergewaltigung (!) und der Verletzung des heiliggehaltenen
Gastrechtes (vgl. die Erzählvariante Richter 19); 3. Mose 18, 22 und 20, 13 wenden sich gegen die heidnische
Tempelprostitution.
Im Neuen Testament äußert sich lediglich Paulus zum Thema, nicht aber Jesus. Für Paulus ist homosexuelles
Verhalten frei wählbar, er hält es für die Ausschweifung eigentlich heterosexueller Menschen (deutlich in 1.
Kor. 6, 11: Manche von Euch gehörten früher (!) zu diesen Menschen ...). Dieses erschien ihm um so
bedenklicher, als die damalige griechische Umwelt homosexuelle Kultprostitution praktizierte: Seine Sorge galt
also dem ersten Gebot, er wollte keine Abhandlung über Homosexualität liefern.
Wir wissen heute, daß ein Homosexueller sein sexuelles Verhalten nicht einfach aufgeben kann, auch dann
nicht, wenn er zum Glauben an Jesus Christus kommt! Paulus geht hier von falschen Voraussetzungen und
Annahmen aus, deshalb ist er für uns an diesem Punkt nur noch von historischem Interesse. Eine biblische
Neubesinnung ist dringend notwendig. Sie muß vom Geist und Inhalt des gesamten biblischen Zeugnisses
ausgehen und deutlich machen, daß Gottes Liebe nicht vor Homosexuellen haltmacht.
Einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der Homosexualität liefert auch dem Theologen die
Sexualwissenschaft. So ist z. B. mittlerweile allgemein anerkannt, daß Sexualität nicht ausschließlich der
Fortpflanzung dient. Mehr und mehr setzt sich - das ist für unser Thema wichtig - auch die Erkenntnis durch,
daß der Mensch nur eine Sexualität hat, d. h., daß in jedem Menschen beides - Heterosexualität und
Homosexualität - entweder offen oder verborgen vorhanden ist. Die ursprünglich undifferenzierte sexuelle
Fähigkeit des Menschen erfährt im Sozialisationsprozeß Prägung und Ausrichtung. Interesse und
Verhaltensweisen im Bereich der Sexualität sind also wie das übrige menschliche Verhalten weitgehend das
Ergebnis von Lernprozessen. Die unsere Kultur und unser Erziehungssystem beherrschende heterosexuelle
Norm führt sehr häufig zu einer Fixierung auf andersgeschlechtliche Partner. Ebenso ist die Fixierung auf
gleichgeschlechtliche Partner auf normsprengende Faktoren in der psychosozialen Entwicklung zurückführbar
(H. G. Wiedemann in: Deutsches Pfarrerblatt 5, März 1978).
Ich habe versucht aufzuzeigen, wie wichtig Information, theologische Reflexion, Auseinandersetzung mit
wissenschaftlichen Theorien, Seelsorge und Integration in die Gemeinden für die Lösung des Problemkreises
Homosexualität/Homosexuelle sind. Auf dem Berliner Kirchentag 1977 hat sich eine Arbeitsgruppe
Homosexuelle und Kirche gebildet, ein freier Zusammenschluß von Christen, die in der Gemeinde, Seelsorge
oder aufgrund ihrer eigenen Situation mit dem Problem konfrontiert sind (Kontaktadresse: H. Brink [...] ). Sie
möchten ihren Beitrag zur Lösung der genannten Fragen leisten. Sie brauchen Ihre Mithilfe!