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  HuK-Archiv: Texte des Monats  

[Letzte Aktualisierung: 02.04.2002 ]

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Archiv: TdM

Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK) e.V.

Aus dem HuK-Archiv: Text des Monats, November 1998

Der Text dieses Monats ist ein Artikel des Theologen und Pfarrers Heinz Brink, einer der Gründungsmitglieder der HuK. Er führt dabei zentrale Argumente zum Themenkreis Homosexualität - Bibelauslegung - Gemeindeleben aus, die auch heute noch (mit Ausnahme wohl des sexualwissenschaftlichen Teils) in Diskussionsrunden ihre Dienste tun können. Aus: Evangelisches Monatsblatt, September 1978, S. 8. Autor: Heinz Brink.

Homosexuelle und Kirche

Getto aus Vorurteilen

Als ich vor einigen Jahren mein Gemeindevikariat begann, wurde ich von meiner Mentorin den verschiedenen haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern vorgestellt. Auf dem Weg zu einer Probe des Kirchenchores flüsterte sie mir zu: ’Achten Sie mal auf Herrn NN, der ist nämlich homosexuell!’ Ich entgegnete: ’Na und? Das bin ich auch.’ Betretenes Schweigen von ihrer Seite. Ich fügte hinzu: ’Und wenn ihr Sohn so wäre...?’
Diese Episode ist ein Beispiel dafür, wie schwer sich die Kirche mit ihren Homosexuellen tut. Sie leben meist unerkannt unter uns, als Gemeindemitglieder, Pfarrer und andere Mitarbeiter, Gemeindekirchenräte usw. Schikanen und Verachtung von seiten der Kollegen und der Gemeinde sowie Schwierigkeiten bis hin zur Entlassung durch den Arbeitgeber Kirche zwingen sie dazu, ein menschenunwürdiges Doppelleben zu führen. Stete Angst vor einer Entdeckung macht viele kaputt, Ablehnung und Verachtung tun weh. (Ich empfehle, die Lebensläufe aus dem Buch ’Ins Getto gedrängt’, hrsg. von H. G. Jaekel, zu lesen. Lutherisches Verlagshaus, Hamburg, 9,80 DM.)
All dieses ist mit dem Evangelium unvereinbar. Das beginnt die Kirche allmählich zu erkennen. Ein Zeichen dafür ist die ’Denkschrift zu Fragen der Sexualethik&146;, die zu dieser Frage immerhin feststellt: ’Die weitverbreitete, unreflektierte Verurteilung der Homosexualität als widernatürliches schuldhaftes Verhalten darf nicht beibehalten werden.’ Auch die Seelsorge beginnt ihr homosexuelles Klientel zu entdecken: So hat kürzlich die bayerische Landeskirche einen ihrer Pfarrer offiziell mit der Seelsorge von Homosexuellen beauftragt.
Das sind ermutigende erste Schritte, doch reichen sie nicht aus. Sicherlich, es gibt unter Homosexuellen wie bei allen anderen Menschen auch ein Bedürfnis nach Seelsorge und Beratung. Sie ist darum nötig und wünschenswert. Doch schwebt sie noch eigentümlich in der Luft, denn sie hat kein gesamtkirchliches Ziel. Mit anderen Worten: Sie hat nur in den seltensten Fällen die Möglichkeit, ihre Klienten als vollwertige und akzeptierte Menschen in die Gemeinden einzugliedern. So ist ihr Ergebnis oft nur, daß der Homosexuelle seine Einsamkeit besser erträgt, an der Ablehnung der anderen nicht zugrunde geht, (im besten Fall) einen Freund oder einen Kreis von Gleichgesinnten findet. Sie führt ihn aber nicht aus dem Getto heraus, sie ändert nichts an seiner Stigmatisierung. Eine solche Seelsorge hält mithin nur den derzeitigen Status quo aufrecht, macht vielleicht für einzelne die Diskriminierung erträglicher, ändert aber nichts an den Ursachen der Probleme. Etwa 10 Prozent der Bevölkerung verhalten sich überwiegend homosexuell, weitere 40 Prozent kennen mehr als beiläufige homosexuelle Reaktionen - so die neuesten Forschungsergebnisse. Diese Zahlen zeigen, daß es sich hier nicht um die persönlichen Schwierigkeiten einer kleinen Minderheit handelt, sondern daß es um das Schicksal von Millionen Menschen geht. Ihre vorurteilsfreie Aufnahme in die Gemeinden und Kirche ist längst überfällig: Es muß endlich deutlich werden, daß auch sie zum Leib Christi gehören. Voraussetzung dafür ist vor allem die Information: Information innerhalb der Kirche über Homosexualität und Information der Homosexuellen über die Haltung der Kirche. Diese notwendige öffentlichkeitsarbeit aber scheut die Kirche noch - aus begreiflichen kirchenpolitischen Gründen. Sie nimmt dabei - bewußt oder unbewußt - in Kauf, daß unzählige homosexuelle Christen weiterhin in Angst leben müssen - oder aus der Kirche austreten.
Die Kirche hat den Homosexuellen gegenüber eine große historische Schuld abzutragen. Ist es doch zu einem wesentlichen Teil ihr ’Verdienst’, daß viele von ihnen bis heute in Angst, Verzweiflung, ja sogar Tod getrieben werden (die Selbstmordrate ist unter Homosexuellen besonders hoch). Scheinbar gerechtfertigt wird diese Ablehnung durch verschiedene Bibelstellen, die durch die historisch-kritische Bibelexegese zwar längst als zeitgebundene antike Kult- und Moralvorstellungen entlarvt wurden - und darum für uns genausowenig Gesetzeskraft haben wie etwa die Stellung des Paulus zur Frau oder zur Sklavenfrage -, trotzdem aber immer wieder zur Rechtfertigung der eigenen Vorurteile bzw. zur Verschleierung der eigenen Homosexualitätsangst herangezogen werden:
1. Mose 19 handelt von einer (homosexuellen) Vergewaltigung (!) und der Verletzung des heiliggehaltenen Gastrechtes (vgl. die Erzählvariante Richter 19); 3. Mose 18, 22 und 20, 13 wenden sich gegen die heidnische Tempelprostitution.
Im Neuen Testament äußert sich lediglich Paulus zum Thema, nicht aber Jesus. Für Paulus ist homosexuelles Verhalten frei wählbar, er hält es für die Ausschweifung eigentlich heterosexueller Menschen (deutlich in 1. Kor. 6, 11: ’Manche von Euch gehörten früher (!) zu diesen Menschen ...’). Dieses erschien ihm um so bedenklicher, als die damalige griechische Umwelt homosexuelle Kultprostitution praktizierte: Seine Sorge galt also dem ersten Gebot, er wollte keine Abhandlung über Homosexualität liefern.
Wir wissen heute, daß ein Homosexueller sein sexuelles Verhalten nicht einfach aufgeben kann, auch dann nicht, wenn er zum Glauben an Jesus Christus kommt! Paulus geht hier von falschen Voraussetzungen und Annahmen aus, deshalb ist er für uns an diesem Punkt nur noch von historischem Interesse. Eine biblische Neubesinnung ist dringend notwendig. Sie muß vom Geist und Inhalt des gesamten biblischen Zeugnisses ausgehen und deutlich machen, daß Gottes Liebe nicht vor Homosexuellen haltmacht.
Einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der Homosexualität liefert auch dem Theologen die Sexualwissenschaft. So ist z. B. mittlerweile allgemein anerkannt, daß Sexualität nicht ausschließlich der Fortpflanzung dient. Mehr und mehr setzt sich - das ist für unser Thema wichtig - auch die Erkenntnis durch, daß der Mensch nur eine Sexualität hat, d. h., daß in jedem Menschen beides - Heterosexualität und Homosexualität - entweder offen oder verborgen vorhanden ist. ’Die ursprünglich undifferenzierte sexuelle Fähigkeit des Menschen erfährt im Sozialisationsprozeß Prägung und Ausrichtung. Interesse und Verhaltensweisen im Bereich der Sexualität sind also wie das übrige menschliche Verhalten weitgehend das Ergebnis von Lernprozessen. Die unsere Kultur und unser Erziehungssystem beherrschende heterosexuelle Norm führt sehr häufig zu einer Fixierung auf andersgeschlechtliche Partner. Ebenso ist die Fixierung auf gleichgeschlechtliche Partner auf normsprengende Faktoren in der psychosozialen Entwicklung zurückführbar’ (H. G. Wiedemann in: Deutsches Pfarrerblatt 5, März 1978).
Ich habe versucht aufzuzeigen, wie wichtig Information, theologische Reflexion, Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Theorien, Seelsorge und Integration in die Gemeinden für die Lösung des Problemkreises ’Homosexualität/Homosexuelle’ sind. Auf dem Berliner Kirchentag 1977 hat sich eine Arbeitsgruppe ’Homosexuelle und Kirche’ gebildet, ein freier Zusammenschluß von Christen, die in der Gemeinde, Seelsorge oder aufgrund ihrer eigenen Situation mit dem Problem konfrontiert sind (Kontaktadresse: H. Brink [...] ). Sie möchten ihren Beitrag zur Lösung der genannten Fragen leisten. Sie brauchen Ihre Mithilfe!