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[Letzte Aktualisierung: 02.04.2002 ]

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Archiv: TdM

Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK) e.V.

Aus dem HuK-Archiv: Text des Monats, Oktober 1998

Ich bin schwul

Der folgende Artikel galt bei seiner Veröffentlichung als Tabubruch, da das Thema 'Homosexualität' in solcher Offenheit und Selbstverständlichkeit in der bundesrepublikanischen Presse noch nicht behandelt wurde. Das Massenhaft 'Outing' sorgte darüber hinaus für großen Wirbel.

Auszüge aus: STERN 41/1978, 5. Oktober 1978, S. 104ff. Autor: Niels Kummer

Das ist keine Kino-Szene, sondern ein echtes Foto. Zwei Männer umarmen sich zärtlich im Bett - noch immer eine Schweinerei für das «gesunde Volksempfinden». homosexuelle gelten als krank und pervers. in der bundesrepublik gibt es zwei millionen lesbische frauen und schwule männer. sie werden angepöbelt, verspottet, sie verlieren ihren arbeitsplatz und werden vom staat sogar bespitzelt. homosexualität ist eines der letzten tabus unserer gesellschaft. jetzt brechen 682 homosexuelle männer im stern ihr schweigen. so wie der berliner lehrer frank ripploh, der hier seinen freund karl umarmt. er will «mit dem Versteckspiel» schluß machen und bekennt: ICH BIN SCHWUL

Zehn Männer, schlank und schön, bekleidet nur mit einem goldenen Lendenschurz, umschreiten und umschweben einen bärtigen Helden, Typ übermann. Sie streicheln ihn, sinken mit ihm auf ein Gold- und Glimmerlager. Plötzlich ein Bruch: Mit aggressiven Drohgebärden, die Gesichter hinter Masken versteckt, reißen die zehn Männer dem übermann die Kleider vom Leib. Der Held kann vor den Männern fliehen und sinkt in die Arme einer Frau. Aber auch bei ihr fühlt er keinen Schutz. Förmlich in der Mitte zerrissen findet er sich schließlich als Zwitter zwischen Mann und Frau.
Die Szene ist Teil einer Show aus Dias und Musik. Den "übermann" verkörpert der 28jährige Lehrer Frank Ripploh aus Berlin. Ripploh unterrichtet an einer Gesamtschule 12- bis 14jährige Jungen und Mädchen in Deutsch und Sachkunde. In seiner Freizeit hat er eineinhalb Jahre lang an jener Dia-Show gearbeitet. Er nennt sie "Blutsturz oder wie ein Stern in der Nacht". Es ist die Leidensgeschichte eines Homosexuellen - seine eigene Lebensgeschichte.
Ripploh erzählt von seiner Kindheit, von der Prüderie und Spießbürgerlichkeit des Elternhauses im westfälischen Münster, der gequält platonischen Kameradie mit Schul- und Sportfreunden, der aufkeimenden Angst vor den eigenen homosexuellen Wünschen. Nach dem Abitur zieht es ihn in die Großstadt Berlin, er studiert Pädagogik, verliebt sich in einen jungen Apotheker, zieht mit ihm in eine homosexuelle Wohngemeinschaft, engagiert sich in einer schwulen Emanzipationsgruppe. Als er seinen ersten Lehrerjob bekommt, gibt er die Arbeit in der Gruppe auf. Er gewöhnt sich daran, seine Veranlagung zu verbergen. Von Anfang an leidet er unter diesem Versteckspiel. Wirklich frei fühlt er sich nur in Homosexuellen-Bars und - Diskotheken. Als er schließlich noch in die Kreise von Sado-Masochisten gerät, überkommen ihn Einsamkeit, Ekel, Angst, Verzweiflung, Selbstmordgedanken.
Die letzte Szene in Ripplohs "Blutsturz"-Trauma: Zwei Männer umarmen sich, küssen sich, sind zärtlich miteinander. Niemand stört sie in ihrem Glück, niemand bedroht sie, alles ist friedlich und ganz normal. Auch diese Szene ist gestellt, ist Wunschdenken Ripplohs. Denn die Wirklichkeit sieht anders aus: Schwule Männer und lesbische Frauen werden nicht in Frieden gelassen, sondern diskriminiert und verunglimpft. Für das gesunde Volksempfinden ist Homosexualität schlichtweg eine Schweinerei:
70 Prozent der Bundesbürger halten Homosexuelle für krank, meinten, sie gehörten zum Arzt oder Psychiater. 68 fürchten sie als Kinderschänder, mehr als die Hälfte der Deutschen hat Angst, daß ihre Zahl zunimmt, weil das die "Volkskraft" schwäche.
Die Liste der Vorurteile ist lang: Homosexuelle sind pervers. Homosexuelle neigen eher zur Kriminalität als die übrige Bevölkerung. Homosexualität muß bekämpft werden, weil sonst der Bestand der Bevölkerung nicht mehr gesichert ist. Homosexuelle Männer sind keine richtigen Männer - sie benehmen sich wie Frauen. Homosexuelle Frauen sind keine richtigen Frauen - sie empfinden wie Männer. Homosexuelle sind abartig, weil der Geschlechtsverkehr zwischen zwei Frauen oder zwei Männern widernatürlich ist.
Homosexualität ist eines der letzten Tabus in unserer Gesellschaft. Jetzt brechen 682 Männer im STERN ihr Schweigen. Sie bekennen: "Ich bin homosexuell."
[…]
Nicht viele wagen bisher diesen Schritt. Rund zwei Millionen Bundesdeutsche, so schätzen Wissenschaftler, sind homosexuell. Es gibt mehr schwule Männer und lesbische Frauen in der Bundesrepublik, als SPD und CDU zusammen Mitglieder haben. Doch kaum jemand traut sich, seine Veranlagung offen zu bekennen und zu verteidigen. Homosexuelle fürchten um ihre berufliche Karriere und um gesellschaftliche Anerkennung, sie fürchten Gewalt und Strafe. Und sie flüchten sich in Anpassung und Heuchelei. […] Wer als "gewöhnlicher Homosexueller" im Alltag einigermaßen über die Runden kommen will, muß sich anpassen, bei den "Normalen" anbiedern. Wer nicht anecken will, muß eine Rolle spielen oder in die homosexuelle Subkultur abtauchen. Viele Homosexuelle sind schon so sehr an die Praktiken des Versteckspielens gewöhnt, daß sie selber Schwulen-Witze reißen und am lautesten über "kesse Väter" (männlich wirkende Lesben) oder "Tunten" (weibisch wirkende Schwule) schimpfen. Viele männliche Homosexuelle erfinden eine Verlobte oder eine Ehefrau, einige heiraten sogar, nur um nicht erkannt zu werden.
Besonders am Arbeitsplatz ist Heuchelei nötig. Die Soziologen Martin Dannecker und Reimut Reiche haben in ihrer Untersuchung über den "gewöhnlichen Homosexuellen" festgestellt, daß rund die Hälfte aller Berufstätigen Homosexuellen vor ihren Kollegen und zwei Drittel vor ihren Chefs ihre Veranlagung verbergen. 40 Prozent der (616) befragten Männer glauben, daß ihnen Nachteile entstünden, wenn sie sich zu ihrer Veranlagung bekennen würden […]. Rund ein Fünftel erwarten "harte materielle Nachteile" - sie fürchten, nicht mehr befördert, auf schlechtere Posten versetzt oder gar entlassen zu werden. Anfang der siebziger Jahre nahm der Hamburger Sexualforscher Gunter Schmidt den Kampf gegen die Diskriminierung durch die Normalbürger auf. Er rief die Homosexuellen zu "gesellschaftlichen und politischen Aktionen" auf, riet ihnen zu "Provokation und Agitation". Doch der Aufruf zündete wenig. Zwar gründeten sich in etlichen deutschen Städten homosexuelle Emanzipationsgruppen, ihr Wirken reichte aber oft nicht weiter als vom ungereimten und ungehörten Agit-Prop ("Brüder und Schwestern, ob wahr oder nicht, Kapitalismus bekämpfen ist unsere Pflicht") bis zu spinnerten Provokationen ("Normale raus"). Auch als der Berliner Filmemacher Rosa von Praunheim mit seinem Lichtspiel "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" Kinobesucher und Fernsehzuschauer schockierte, änderte sich wenig an der Haltung der "Normalen" gegenüber den Schwulen. Trotz aller sexuellen Emanzipation werden diese Männer und Frauen weiter als perverse und gefährliche Minderheit abgestempelt, werden sie weiter beschimpft und angepöbelt. […]
Das offizielle katholische "Lexikon für Theologie und Kirche" rechnet die Homosexualität zu den "schweren und himmelschreienden Sünden".
Hermann Greifenstein, Oberkirchenrat in München, lehnte die Anwesenheit homosexueller Aktionsgruppen auf dem evangelischen Kirchentag in Nürnberg 1979 mit der Begründung ab, dies führe zu einem "Markt der Unmöglichkeiten".
Die Essener SPD-Abgeordnete Maria Jammes will in einer "kleinen Anfrage" von der nordrhein-westfälischen Landesregierung wissen, ob der Düsseldorfer Verfassungsschutz in sogenannten "Rosa Listen" Daten über Homosexuelle sammelt. Nach Angaben eines Verfassungsschützers sollen solche Auskünfte über "Leute mit abweichendem Sexualverhalten" gesammelt werden, wenn die Betreffenden Kontakte mit "sicherheitsempfindlichen" Bereichen haben.
Bundesdeutsche Jugendämter tauschen "schwarze Listen" von Sozialarbeitern aus, die - unter anderem - wegen ihrer Homosexualität aufgefallen sind.
Die Abneigung gegen den anders gearteten Mann wird schon Kindern angezogen. In Berlin wird die Homosexualität im Sexualkundeunterricht der Grundstufe im Zusammenhang mit den Themen "Verführung Minderjähriger", "Prostitution", "Drogen" behandelt.
In dem Schulbuch "Liebe, Sexualität, Fortpflanzung - eine Sexualkunde ab fünftes Schuljahr" äußert sich der Verfasser, Professor Friedrich von Hagen, auch zum Thema Homosexualität: "Anomales Verhalten", "Verführung", "strafrechtlich verfolgt". Und die Lehrer werden im "Beiheft" so eingestimmt: "Wenn die Perversionen menschlichen Geschlechtslebens … als heilbar erklärt werden …, gilt (dies) auch für die Homosexualität, die der Verfasser wegen ihrer weiten Verbreitung zwar zur Sprache bringt, keineswegs aber als eine Form menschlicher Sexualität bezeichnet. Für ihn ist die Heterosexualität das normale Geschlechtsempfinden."
[…]
Viele Schwule sind "ständig damit beschäftigt, sich zu fragen, was an ihrem Verhalten unmoralisch und unsozial sein soll", fanden die Soziologen Dannecker und Reiche heraus. Kein Wunder, daß "viele neurotische Symptome bei Homosexuellen nur zu verstehen sind als Reaktion auf ihre diskriminierende Situation", so der Bremer Wissenschaftler Rüdiger Lautmann. Annähernd jeder dritte Homosexuelle leidet so sehr unter der gesellschaftlichen Diffamierung, daß er seine Veranlagung "wegmachen" lassen würde, gäbe es eine sichere Methode hierfür. 13 Prozent aller Homosexuellen haben in ihrem Leben schon einmal einen Selbstmordversuch unternommen - aber "nur" sechs Prozent der Gesamtbevölkerung.
In Weinheim an der Bergstraße vergiftete sich der 24jährige Peter-Michael Simon, weil er mit seiner Homosexualität nicht fertig wurde. Niemand wollte mit ihm darüber sprechen. In einem "offenen Brief" gesteht seine Mutter, die 57jährige Hausfrau Hildegard Simon, ihre Versäumnisse und fordert Verständnis für Homosexuelle:
"Das Wissen, daß eine Aussprache den Selbstmord meines Sohnes verhindert hätte, ist eine zusätzliche Last zu dem unsagbaren Leid, den der Tod auf so tragische Weise hinterlassen hat. Ich selbst wußte von der Homosexualität bis dahin so gut wie nichts. Als mein Mann wenige Monate vor dem Freitod die Andeutung machte, ob unser Sohn wohl homosexuell sei, weil er mit 24 Jahren immer noch keine Freundin hatte, verwarf ich diesen Gedanken als absurd. Erst nach dem Tod meines Sohnes informierte ich mich gründlich über das Thema Homosexualität und begriff sehr schnell, wie nötig Homosexuelle unserer Hilfe benötigen. Und zwar nicht durch die Toleranz unserer Gesellschaft als bequemsten Weg, indem man sie eben nur duldet und sonst nichts damit zu tun haben will - sondern indem wir uns bemühen, das Wesen des Homosexuellen zu verstehen und ihn so anerkennen, wie er mit seiner Veranlagung ist.