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HuK-Archiv: Texte des Monats |
[Letzte Aktualisierung: 26.07.2002] |
Nach den Regionalgruppen Frankfurt a.M. und Nürnberg, die in den vergangenen drei Monaten an dieser Stelle mit Texten vorgestellt wurden, kommt in diesem Monat ein Text aus unserer ehemaligen Regionalgruppe Hannover zum Zuge. Die folgende Predigt wurde im Rahmen eines Gemeinde-Seminars gehalten.
Am Mittwoch haben wir das gemeinsame Seminar mit der Thomasgemeinde zum Thema "Sexualität" begonnen. Wir haben von unseren Lernschritten im Umgang mit eigener und fremder Sexualitat erzählt. Wir haben Geschichten gehört von gelungener und angenommener Sexualität, aber es wurde auch von Gefährdungen, Ängsten und Enttäuschungen berichtet. Heute abend wollen wir uns Zeit nehmen und uns gegenseitig erzählen, was es uns bedeutet, unseren Glauben, unser Christsein leben zu können und gleichzeitig wollen wir mitbedenken, inwieweit unsere gelebte Sexualität im Einklang oder im Widerspruch zu unserem Glauben steht. In dieser Andacht werde ich ein paar Impulse geben, die anregen sollen, darüber nachzudenken, was eigentlich Glauben für uns bedeutet. In den Vordergrund meiner Überlegungen werde ich dabei die biblische Gestalt THOMAS stellen. Seine Geschichte ist zum großen Teil auch unsere Geschichte.
Liebe Freundinnen, liebe Freunde,
manchmal brauchen wir Geschichten, um uns voreinander zu öffnen. Manchmal müssen wir einander nur erzählen, was wir erleben, brauchen wir nur mitzuteilen, was uns geschehen ist, und schon wird ein wenig sichtbar von dem, was wir glauben, und wer wir sind. Unsere Lebensgeschichten sind immer auch unsere Glaubensgeschichten. Sie erzählen viel deutlicher und spannender, was in unseren Herzen ist, als all unsere Erklärungen und Bekenntnisse. Sie machen unsere Träume sichtbar und unsere Hoffnungen hörbar, unsere Enttäuschungen ansprechbar und unsere Ängste fühlbar. Und manchmal sind sie wie eine Einladung an die anderen, die Geschichte ihres Lebens neu zu verstehen. Solche Geschichten zu erzählen, dafür wollen wir uns nachher Zeit nehmen. Die Geschichte, die wir eben gehört haben, ist eine Episode aus dem Leben zweier Menschen, die uns dazu einlädt, über die Geschichte unseres Lebens und vielleicht auch über die Geschichte unseres Glaubens noch einmal nachzudenken. Eben uns selbst in jener Geschichte zu entdecken mit unseren Fragen und unseren Ängsten, mit unserem Zweifel und unserer Sehnsucht.
Da wird uns von der Begegnung zwischen Jesus, dem Menschen, in dem Gott sich sichtbar gemacht hat, und Thomas, dem Zweifler, erzählt. Von dem, was passiert, wenn einer seine Skepsis gegenüber dem, was ihm von Gott gesagt ist, seine eigene Erfahrung mit der Wirklichkeit des Lebens und seine Unfähigkeit an Wunder zu glauben, ernst nimmt, indem er sich mit dem auseinandersetzt, der da für Gott einsteht.
Ich mag diesen Thomas, der sich nichts vormachen lassen will. Der seinen Glauben nicht einfach an dem orientieren kann, was so schön wäre, wenn ... Der nicht einfach seine Realität verleugnen mag, nur um herauszufinden aus der Trostlosigkeit seiner Trauer und seines Schmerzes. Der sich nicht an Wünsche und Hoffnungen klammern mag, die er sich nicht vorstellen kann und der auch zu dem, womit die anderen sich vermeintlich zufrieden geben, nicht einfach nur schweigt. Thomas will es selber begreifen, will wirklich wissen, wie man leben kann, wenn man den Tod schon erfahren hat. Wie es weitergehen kann, wenn schon einmal alles zuende war. Wie es sich anfühlt, wenn Hoffnung die Realität übersteigt, wenn Leben dem Tod standhalten kann und Schmerz und Angst und Tränen keine Bedeutung mehr haben sollen.
Thomas will erst an die Auferstehung ins Leben glauben, an Leben, das sich lohnt und an Zukunft, die nicht nur neues Leiden bedeutet, wenn er auch mit den Wunden, die den Tod begleiten, in Berührung gekommen ist. Wenn Jesus sich ihm selber leibhaftig stellt. Wahrscheinlich ist uns das allen vertraut: Das Mißtrauen gegenüber den allzugroßen Hoffnungen. Die Skepsis bei den Heilsversprechen und Heilsverheißungen aller Art. Dieser eine Weg, dieses bestimmte Mittel, jene Methode, die herausführen soll aus allem Dunkel und für alles und alle gibt es Zeugen, Gewährsleute, einzelne, die darauf schwören, daß an ihnen durch dieses oder jenes ein Wunder geschehen sei. Man muß nicht unbedingt Erfahrungen mit Krankheit und Leiden haben, auch die sogenannten Gesunden lassen sich gern von ihrer Sehnsucht nach mehr und besserem Leben von einer Verführung und Enttäuschung in die nächste locken. Esoterische Angebote und religiöse und pseudoreligiöse Gruppierungen aller Art boomen zur Zeit und ich denke, die Vorbehalte eines Thomas haben bis heute ihren Sinn.
Glaube ist niemals billig zu haben. Und Hoffnung auf Leben und die Chance gelingender Zukunft kommt niemandem einfach wie ein Lotteriegewinn ins Haus. Da läßt sich nicht einfach übernehmen und nachbuchstabieren, was anderen zuteil geworden ist, sondern jeder muß sich der Zumutung, die Sinnfindung für sein eigenes Leben bedeutet, wohl wirklich selber stellen. Da ist mit nichts garantiert, weder mit der Treue zu irgendeiner Kirche, noch mit einem Sortiment an guten Werken, noch mit beharrlichem Festhalten an dem, was gestern galt, daß uns für heute und morgen Leben gelingt. Ja, nicht einmal das Leiden, das besondere Schicksal, die offensichtliche Not oder auch der Erfolg und die vorzeigbare Leistung sind schon ein Hinweis darauf, wer Jesus denn wirklich für uns ist. Wahrscheinlich ist die kritische Solidarität mit Jesus, das trotzige Verlangen, das er sich für jeden und jede einzeln und ganz persönlich als der Lebendige zeigen soll, das, was uns alle am meisten mit ihm verbindet. Thomas jedenfalls bekommt mit seiner Forderung recht. Er kann, wenn er will, die Spuren des Leidens nachfühlen. Das anrühren und dem nachspüren, was er sich nicht vorstellen kann. An dem, der das Leben repräsentiert, die Abdrücke des Schmerzes und die Eindrücke des Kreuzes wiedererkennen. Thomas kommt so nah an Jesus heran, daß er in ihm seinen Gott wirklich erkennt. "Mein Herr und mein Gott", das ist bis heute seine Antwort auf diese Geschichte.
Und es sind bis heute die Sehenden die mit offenen Augen durch die Weit gehen wollen, die sich nichts vormachen und die durch das, was ist, hindurch auf der Suche bleiben nach Gott, die zu Nachfahren des Thomas wurden. Die Nüchternen und die Fragenden, oft genug die Ungläubigen und die Ketzer, die deren Lebensgeschichte eben nicht aufgeht in dem, was die anderen scheinbar zufrieden.sein läßt. Es sind die am Rande, die immer wieder ausgegrenzt werden und die sich vielleicht manchmal sogar selber ausgrenzen, die den Glauben wach und lebendig halten unter uns allen. Die, deren Lebensgeschichten auf dieser Erde niemals aufgehen und die bis zuletzt unsicher bleiben, ob sie sich wirklich einlassen können auf ein sichtbares und erfahrbares "happyend".
Jene Geschichte zwischen Jesus und Thomas, von der wir nur diesen einen kleinen Ausschnitt erfahren, ist für mich immer wieder wie eine Ermutigung in all den Stunden, in denen mich die selbstverständliche Glaubensgewißheit, die unbekümmerte Sicherheit und manchmal dreiste Rechthaberei derer, die schon alles wissen und die Augen verschließen vor den offenen Fragen und die Herzen dichtmachen, wenn es darum geht, sich Gott zu stellen, sich der Auseinandersetzung mit diesem Gott wirklich zu stellen, wenn es keine schnellen Lösungen und keinen sichtbaren frommen Trost gibt.
Manchmal brauchen wir Geschichten. Unsere Geschichten und die, die von anderen erzählt worden sind. Lebensgeschichten und Glaubensgeschichten, die die Auseinandersetzungen beschreiben zwischen dem, was in den Herzen ist, und dem, was von außen auf uns einwirkt. Und solange wir leben und solange wir hoffen und kämpfen und zweifeln und beten, solange sind wir immer noch nicht fertig mit der Geschichte, die durch uns verwirklicht werden will.
Wie gesagt, wir werden nachher unsere Geschichten erzählen und wir werden eine Menge erfahren von dem Glauben und dem Mut und der Geduld und der Liebe, die dazugehört, ein Mensch unter Menschen zu sein. So einer wie Thomas, der mit seinem Zweifel kämpfte oder so einer wie Jesus, der die Spuren dessen, was Gott ihm zugemutet hat, auch dann noch an sich trug, als Gott sich schon längst zu ihm bekannte. Amen.
(H. J. Meyer)
(aus: HOMOLUJA, Rundbrief der HuK Hannover Nr. 54, Aug/Sept 1994, S. 13 ff.)