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HuK-Archiv: Texte des Monats |
[Letzte Aktualisierung: 02.04.2002 ] |
In den letzten beiden Monate beschäftigte sich diese Rubrik mit der Geschichte der HuK-Regionalgruppe Frankfurt a.M., wobei Texte von Gruppenmitgliedern vorgestellt wurden.
Dieses Mal möchte ich zwei Texte präsentieren, die eine Aktion der HuK-Regionalgruppe Nürnberg aus dem Jahr 1984 dokumentieren.
Die HuK Nürnberg will - zusammen mit Fliederlich, Rosa Flieder und Rosa Telefon - an diesem Samstag der homosexuellen Ofper des Nationalsozialismus gedenken und dabei auf Auswüchse und Ausschreitungen gegen Schwule/Lesben im letzten halben Jahr aufmerksam machen.
Das Ordnungsamt der Stadt Nürnberg hat die erforderliche Genehmigung für den Schweigekreis auf der MUSEUMSBRÜCKE erteilt; der geplante Büchertisch dagegen kann nicht aufgestellt werden.
Am Samstag besteht die Möglichkeit, sich um 10.00 Uhr zum Frühstück bei Bernard (...) zu treffen, um dann von dort aus gemeinsam zur Museumsbrücke zu laufen. Treffpunkt an der Museumsbrücke um 12.00 Uhr.
Dort werden einige von uns den Schweigekreis bilden; andere werden um den Kreis herum Flugblätter (bereits im Druck) verteilen und für Gespräche mit Passanten zur Verfügung stehen. In die Mitte das Kreises werden wir einen "Rosa Winkel" legen mit der Aufschrift: "Wir gedenken der homosexuellen Opfer das Nationalsozialismus". Einige der im Kreis Stehenden werden Sandwiches tragen, auf denen Verbindung zwischen der damaligen Zeit und der heutigen Situation Schwuler hergestellt werden soll
- damals: 25.000 wurden zu Tode gefoltert in den KZ's der Nazis
- heute: 4 Millionnen werden totgeschwiegen und Neonazi-Gruppen werden gegen Schwule aktiv -
J E D E (R), DER SICH AN DIESEM SAMSTAG 21.07.84 DIE ZEIT NEHMEN KANN UM AN DIESEM SCHWEIGEKREIS TEILZUNEHMEN, DER SOLL ES BITTE TUN !!!
WIR SIND AUF J E D E (N) EINZELNE(N) ANGEWIESEN !!!
(Allen und Bernard)
(aus: HuKepack Info, Regionalgruppe Nürnberg, Nr. 6/84, S. 2)
Als ich am Senstagvormittag in Nürnberg bei Bernard eintraf, spürte ich schon ein aufgeregtes Flimmern in der linken Herzkammer. Bei Annäherung an den Tatort Museumsbrücke allerdings erreichte die Adrenalinzufuhr Höchstwerte. Schon beim Aufbau unseres Informationestandes konnte man die verwunderten Blicke der Leute genießen oder sich darüber ärgern, je nachdem. Ernst wurde es aber erst, als ich mich in ein Sandwich klemmte und mit ein paar Mutigen den Schweigekreis eröffnete. Von da an gab es kein Zurück mehr. Unsere Aktion bestehend aus Schweigekreis, Büchertisch, Flugblättern, einer Unterschriftenliste für ein Nürnberger Schwulenzentrum und einer Wand zum Sprüche kritzeln lief an.
Reaktionen: Da gab es wirklich alles - Ablehnung, Zustimmung, Abscheu, Ermutigung, aber vor allem eine : Interesse.
Ich glaube, es gab keinen Passanten, den unser Auftreten kalt gelassen hat. Hätte man einen Käfig um den Schweigekreis aufgestellt, so wäre die Zooatmosphäre perfekt gewesen.
Es fielen auf: Männer in den sogenannten besten Jahren ("Hier stinkt's ,Wichsverein "), Clubdamen ohne Kind aber mit Kegel ("taitaitai"), junge Mädels ("Wir gedenken .... höhöhö"), eine mittelalte Frau mit einem weisen Ratschlag ("Ratscht doch nicht soviel, lebt doch einfach"), eine mittelalterliche Frau ("Schämt euch, Schämt euch, Schämt euch!") und schließlich eine gut konservierte Endvierzigerin, die sich in unseren Schweigekreis verirrte, das bemerkte und mit ostentativem Hüftgewackel die Runde wieder verließ.
Höhepunkt war aber ganz eindeutig der Auftritt eines ältlichen Mannes mit Cowboyhut, der, von uns weder bestellt noch bezahlt, die Massen an den Stand zog, indem er wie ein Straßenverkäufer daherparlierte.
Schublade nach Schublade ward aufgetan. Da wurde wirklich nichts ausgelassen. Sein Ratschlag: Heilen oder besser gleich sterilisieren lassen und natürlich zu Jesus kommen!
Da war es wieder, das gesunde Volksempfinden á'la Christa Meves. "Halleluja!" sangen die vereinigten Engelschöre der deutschen Bischofskonferenz und des Rheinischen Merkur.
Es war allerdings erfreulich zu beobachten, wie sich aus dem Kreis der Umstehenden Widerspruch erhob, ohne daß wir uns sonderlich engagieren mußten. Damit hier kein falscher Eindruck entsteht, es gab auch sonst noch viel Positives, nur daß das meist leise und behutsam vorgetragen wird, hingegen das Dumme natürlich laut in den Raum geblökt wird. Das alles dauerte zweieinhalb Stunden und als ich mich dann aus dem Sandwich herausschälte, hatte ich neben einem einseitigen Sonnenbrand, schmerzende Glieder und verspannte Muskeln und war für die mir gewährte Massage überaus dankbar.
Fazit: Von meiner Warte aus besehen, war unsere Aktion ein Riesenerfolg. Für mich persönlich allein schon deshalb, weil durch das offene Auftreten innerhalb der Gruppe mein Selbstwertgefühl ungeahnte Gipfel erklomm, ähnlich dem Effekt, der mich auf dem Kirchentag in Hannover ereilt hatte. Das besonders Bemerkenswerte an der Veranstaltung war aber die Zusammenarbeit zwischen HuK und Fliederlich. Da wurden verstaubte Schubladen entrümpelt und neue Wege eröffnet. Man kann es auch so formulieren: Das war ein kleiner Schritt für die Schwulenbewegung, aber ein großer für HuK und Fliederlich. Es ist zwar noch nicht alles Gold, was da am Samstag glänzte, aber die Parole für die Zukunft kann nur lauten: Weiter so!! Man würde sich dann nur etwas mehr Beteiligung von Seiten der HuK-Mitglieder erwünschen.
(...)
(Mipo)
(aus: HuKepack Info, Regionalgruppe Nürnberg, Nr. 7/84, S. 3f.)