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HuK-Archiv: Texte des Monats |
[Letzte Aktualisierung: 02.04.2002 ] |
In den folgenden vier Monaten sollen an dieser Stelle die Regionalgruppen der HuK verstärkt zu Wort kommen. Es werden Texte aus den Eigenpublikationen der RG’s Frankfurt a.M., Hannover und Nürnberg vorgestellt, die sich der eigenen Geschichte widmen, eine öffentlichkeitswirksame Gruppenaktion beleuchten und eine Predigt dokumentieren.
Beginnen möchte ich mit Texten aus der Regionalgruppe Frankfurt a.M., die sich im Jahre 1984 der eigenen Geschichte widmeten. Fünf Beiträge, die die Historie aus fünf Blickwinkeln betrachten. Fünf Einblicke in die Anfänge der HuK-Frankfurt.
In diesem Monat werden drei dieser fünf Berichte vorgestellt, die restlichen zwei folgen dann im August 2000.
(Teil 1 von Werner)
Ein bißchen mulmig war ihm schon zumute, als er zum ersten Mal im Winter 1978 in das Gemeindehaus in Frankfurt-Nied kam. Daß die kirchlich gesinnten Schwulen sich in einer Gruppe versammeln, das war es eigentlich nicht. Seit die Homosexualität wenigstens juristisch einigermaßen salonfähig geworden war und das Untergrund-Dasein aufgehört hatte, waren viele dieser Gruppen entstanden. Nein, der Skandal für ihn war, daß einer um die Fünfzig sich noch um einen solchen Anschluß bemühte; ein Alter, wo man normalerweise keine neuen Dinge mehr anfängt. Nun: hast Du "A" gesagt, mußt Du auch "B" sagen - und so ging er hinein.
Das heißt, er wollte hineingehen, aber das Gebäude war verschlossen. Er mußte eine Weile warten und verspürte die Oktoberkälte, aber dann kam von irgendwoher Benno und schloß auf , und wie abgesprochen erschien pIötzlich eine ganze Reihe von Gruppenmitgliedern. Benno sprach den Neuen an und wollte wissen, was ihn zum Kommen veranlaßt habe: er sei ganz vorn sich aus hierhergefahren, veranlaßt durch einen Artikel in einer Schwulenzeitschrift.
Lange konnte die HuK noch nicht bestehen, das wußte er, aber für das genaue Gründungsdatum interessierte er sich auch nicht. Die Hauptsache für ihn war, daß hier ein Verein lebte, in dem sich Wärme und Geborgenheit fanden. Und das war der Fall. Nicht beim ersten Besuch, wo noch so vieles Neue zu verkraften war, aber im Laufe der Wochen.
In dem Raum war ein großer Kreis entstanden von 15 bis 20 Leuten, und dann ging es los mit allerlei geschäftlichen und allgemeinen Dingen. Da war zum Beispiel die Frage einer Autobahn durch den Odenwald und was man dagegen tun könne, der Kirchentag in Nürnberg warf erste Gedanken auf, ein Telemann-Abend wurde geplant, und auch über die "Homolulu" Tage im nächsten Sommer wollten einige Gruppenmitglieder sprechen.
Thomas, der so etwas wie der "Chefideologe" der Gruppe war, begann dann sein Referat über einen Artikel, der vom Kampf der Katholen um die Gleichberechtigung der Homosexuellen handelte. Albert, Kurt und Gregor (die Namen konnte er .sich allerdings erst nach und nach merken) sorgten durch ihre Beiträge dafür, daß die Diskussion sehr lebhaft wurde. Das Gespräch war noch nicht zu Ende, da mußte er an den Hauptbahnhof, um seinen Zug noch zu erreichen,
Das erste Mal in einer Schwulengruppe - so schlimm, wie er sich das vorgestellt hatte, war es gewiß nicht. Es schienen da doch einige Leute dazuzugehören, mit denen es sich lohnte, ins Gespräch zu kommen: Leute wie, außer den bisher Genannten, Lothar und Ernst, Erwin und Udo, Hans-Jürgen und Olaf, Als er in der Bahn saß, war er doch ganz zufrieden, und er fragte sich, ob er da wohl einen Freund finden würde. Nun, er wußte, daß er es nicht leicht haben würde, Kontakt zu knüpfen. Das Geduldigsein war ihm nichts Neues. Aber die menschliche Atmosphäre, die in dieser Gruppe herrschte, war Grund genug, sich ihr anzuschließen.
(aus: 'Blättchen - Mitteilungen der Frankfurter Regionalgruppe', Nr. 2-84, S. 2f.)
(Teil 2 von Udo)
"Wer jetzig Zeiten leben will, muß haben tapfers Herze". In Kirche und Gesellschaft sind homosexuelle Frauen und Männer immer noch Exoten. Dies zu erleben und oft auch zu erleiden, hat uns geprägt. Deshalb kommen wir zusammen, um allmählich unsere Verkrustungen aufzuweichen und so freier und selbstbewußter zu werden. Dies ist unser Anspruch.
Natürlich sieht unsere Wirklichkeit in der Gruppe anders aus: Manchen geht es erst einmal darum, daß sie Annahme und Geborgenheit erfahren. Anderen ist die Öffentlichkeitsarbeit in Kirche und Gesellschaft wichtig. Manche nehmen eine abwartende Haltung ein, andere sind fordernder. Trotz allem versuchen wir, unserem Anspruch auf der Spur und beieinander zu bleiben, um nicht in der Woge der Resignation unterzugehen.
Wir trauen der Sache Jesu noch zu, daß sie in, mit und oft gegen die Kirchen möglich ist. Deshalb wollen wir unseren Teil dazu beitragen, daß die Kirchen offener werden für Lesben und Schwule und wir eines Tages mehr sind als die schwarzen Schafe der Kirchen.
Einiges haben wir als ökumenische Gruppe, die grundsätzlich offen ist für jede Frau und jeden Mann, schon erreicht. So fanden und finden Akademietagungen sowie Gespräche mit Kirchenvertretern und Gemeinden statt. Neben unserer thematischen Arbeit halten wir Kontakt zu anderen kirchlichen Basisgruppen, um so die Kirchen konstruktiv zu verändern.
Noch liegt vieles im Argen, und wir freuen uns über jede Frau und jeden Mann, die bzw. der sich mit uns auf den Weg machen will. Denn wir sind nur so gut wie jede(r) einzelne Mitstreiter(in) bei uns. Und vielleicht werden auf diesem Wege unsere Herzen - trotz aller Enttäuschungen - tapferer.
(aus: dslb., Nr. 3-84, S. 9)
(Teil 3 von Johannes K.)
1975 bis 1978 war ich, Johannes K., Mitglied der Initiative "Homosexuelles Mainz" (IHM e.V.). Dort lernte ich Benno kennen und schätzen. Er lud mich und Johannes F. ein, am ersten Bundestreffen der HuK in der ev. Gemeinde in Frankfurt teilzunehmen. Ich erlebte eine Großgruppe von ca. 50 "gestandenen" Männern im mittleren Alter (35-55), die auf mich gereift und - zu meinem eigenen Aufatmen - ob ihrer homosexuellen Praxis nicht neurotisch wirkten.
1979 bis 1981 war ich als Sozialarbeiter in Bamberg tätig in einer Beratungsstelle für junge Leute (1525), als Maßnahme gegen die psychosozialen Folgen, der seit Jahren anhaltenden Jugendarbeitslosigkeit. Ich war Angestellter des Erzbischöflichen Jugendamtes.
Mit dem Zeitpunkt der Einstellung (6/79) wurde ich Mitglied der Arbeitsgruppe HuK, bewußt, um bei möglichen arbeitsrechtlichen Auseinandersetzungen,
die unmittelbar nach der Probezeit auch entstanden, emotionale Rückendeckung zu haben. Die HuK kann zur Zeit noch keinen juristischen Beistand bei arbeitsrechtlichen Auseinandersetzungen leisten, wohl aber eine Gruppe zur Aussprache und zum "Sich-Festhalten" bieten.
Ich blieb bewußt Mitglied der Frankfurter Regionalgruppe und behielt Infokontakt, zuletzt durch das Blättchen, was für mich in der schwulen Provinz Oberfrankens sehr notwendig war. So gehörte ich als Einzelkämpfer zum Netz Gleichempfindender.
Neben der regelmäßigen Arbeit in der Emanzipationsgruppe Bamberg (IHBa) war und ist für mich der Kontakt, die Mitgliedschaft in der HuK, deshalb von besonderer Bedeutung, da ich hier Menschen finde, die aus der gleichen Ideologie leben: Glauben an einen Gott, der sich uns in Christus zeigt, der mich zur "Nachfolge" auffordert.
Ich merke, es wird dogmatisch, mündlich kann ich mich da verständlicher machen. Mein Anliegen ist es, bei den Diskussionen um den Minimalkonsens,. an dem ich seinerzeit mitgearbeitet habe, die Regionalgruppe Ffm offen zu halten, gerade für die Menschen, die mit der institutionellen Kirche "nichts mehr am Hut haben". Ich habe in der HuK für mich, die Basisgemeinde der "Ur-Christen" erfahren.
Mein persönliches Anliegen ist, Lebensgeschichte und berufliches Engagement wieder mehr deckungsgleich zu bekommen. So plane ich seit zwei Jahren den Aufbau und die Einrichtung eine Kommunikations- und Beratungszentrums für homosexuell empfindende Männer und Frauen (für Schwule und Lesben). Die grundsätzliche Unterstützung der Regionalgruppe Frankfurt habe ich, doch wünsche ich mir den einen oder anderen aus der Gruppe zur Konkretisierung und zur Mitbegründung eines Trägervereins.
(aus: dslb., Nr. 4-84, S. 2f.)