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  HuK-Archiv: Texte des Monats  

[Letzte Aktualisierung: 02.04.2002 ]

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Archiv: TdM

Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK) e.V.

Aus dem HuK-Archiv: Text des Monats April 2000

Der folgende kurze, aber sehr lesenswerte und zum Nachdenken anregende Text ist im HuK-Info Nr. 143 (Okt.-Dez. 1999) in einem Bericht über das HuK-Archiv nachgedruckt worden.

Er ist im Jahr 1988 im ”Schildchrott”, der Zeitschrift der HuK Schweiz, erschienen.

Eine Begegnung im Züricher Tram

Dies gesehen: Zuvorderst im Tram 9 sitzt ein junger, sympathischer Mann. Er kommt soeben vom Training, wahrscheinlich ein Uni-Student. Dann steigt ein leicht geistig Behinderter ein, auch er recht jung. Er setzt sich zum Studenten hin, schaut ihn gut an, wartet. Jetzt fragt er ihn nach seinem Namen. Er rückt näher, beginnt ein bisschen zu plaudern. Der Sportler antwortet ihm geduldig und freundlich. Der Behinderte rückt noch näher und legt plötzlich sehr liebevoll seinen Arm um den Nachbarn. Dieser lässt es geschehen. Die Leute im Tram schauen wohlwollend zu. Nun schmiegt der Behinderte seinen Kopf an die Brust des Studenten und sagt überglücklich: ”Gell, du bisch min Fründ!” Der Student antwortet geduldig und freundlich. ”Aber du kännsch mi ja gar näd!” Doch der andere kümmert sich nicht darum und beginnt zu schmusen, gibt dem Sportler einen herzhaften Kuß auf den Mund. Die Leute schmunzeln, der Student wehrt sich nicht, der Behinderte ist im siebenten Himmel. Doch viel zu rasch hat die Herrlichkeit ein Ende, der Sportler steigt aus und verabschiedet sich.

Und das gedacht: Erstaunlich, welche zärtliche Szene sich da in der angeblich nüchtemen Stadt Zürich in der Öffentlichkeit abgespielt hat! Dies aus verschiedenen Gründen:
Der Student: Er hat mitgemacht, hat akzeptiert, dass ein behinderter Mann sich ihm genähert hat, und das zuvorderst im Tram, auf einer ausgezeichneten Bühne mit Publikum. Er hat sich umarmen und küssen lassen, hat nicht entsetzt das Weite gesucht, sich zurückgezogen, den anderen weggewiesen. Er hat das nette Spielchen gut und liebevoll mitgemacht.
Der Behinderte: Er hat seine zärtlichen Gefühle nicht versteckt und ist direkt auf seinen Auserwählten zugegangen. Er genierte sich nicht, weder vor dem jungen Mann noch vor den Trampassagieren. Seine Zuneigung konnte er ungehindert zeigen und offensichtlich auch geniessen.
Das Publikum: Ich hab's beobachtet: Niemand rümpfte die Nase, niemand machte einen blöden Spruch, viele schmunzelten, einige schauten etwas geniert weg. Kaum jemand wird sich der Zärtlichkeit dieser Szene entzogen haben können.

Einmal angenommen, der Behinderte wäre kein Behinderter gewesen ...

Matthias H.
aus: Schildchrott (Zeitung der HuK Schweiz), Nr. 3/88