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HuK-Archiv: Texte des Monats |
[Letzte Aktualisierung: 02.04.2002 ] |
Anfang der 80'er gelangte das Theaterstück "Bent" auf die Bühne, daß sich gleich zweier Themen annahm, die bis dato nur schwerlich den Weg dorthin fanden: zum Einen '(Über)leben im KZ', zum Anderen 'Homosexualität'. Wahrlich kein leichter Stoff, sondern einer, der die Zuschauenden herausfordert. Wie es auch in folgender Theaterkritik beschrieben wird.
Ein Bericht aus der taz vom 06.03.1981, S. 18.
Es ist wahrscheinlich unmöglich, meine Betroffenheit für andere transparent zu machen. Homosexuelle im KZ. Du, als Zuschauer im bequemen Sessel, wirst Zeuge der Anklage. Der Versuch, die Vergangenheit zu vergessen oder zu verdrängen, bedeutet Komplize der Handwerker zu werden. Wer weiß schon etwas über den "rosa Winkel"?
Gelb für Juden,
Rot für Politische,
Grün für Kriminelle,
Schwarz für Asoziale,
Lila für Bibelforscher,
Blau für Emigranten,
Braun für Zigeuner,
Rosa für Homosexuelle.
Es beginnt wie eine Komödie der "goldenen Zwanziger". Wir sehen Max und Rudi, ein homosexuelles Pärchen in ihrer kümmerlichen Wohnung, für die sie die Miete nicht aufbringen können. Max ist fremdgegangen, erinnert sich aufgrund seines nächtlichen Besoffenseins an nichts mehr. Der Freund verwöhnt ihn, ist in seine Grünpflanzen vernarrt und träumt von seiner Karriere als Tänzer. Der Dritte wird nur als peinlicher nächtlicher "faux pas" angesehen. Der Zuschauer betrachtet das lockere Treiben auf der Bühne, sein Interesse ist auf Sparflamme geschaltet. Plötzlich der Bruch! Schwarze Uniformen dringen in die Wohnung ein, haben einen Haftbefehl für den unbekannten Besucher, erschießen ihn, weil er davonlaufen will. Max und Rudi auf der Flucht durch Nazideutschland. - Zuletzt leben sie in einem Zelt im Wald, in der Nähe von Frankfurt. Aus der Flucht mit falschen Papieren nach Amsterdam wird nichts. Wir sehen sie auf dem Transport nach Dachau, den nur Max überlebt, weil er "mit der SS ein Geschäft" machte. Er bewies sein Nichtschwulsein und darf den gelben Stern tragen. Als Jude sind die Überlebenschancen im KZ größer. Die Männer mit dem rosa Winkel waren am häufigsten und schwersten den Martern und Schlägen der SS und Capos ausgesetzt. Sie wurden als Abschaum der Menschheit bezeichnet, die überhaupt kein Lebensrecht auf deutschem Boden hätten und daher vernichtet werden müßten.
Liebe und Zärtlichkeit innerhalb dieser Vernichtungsmaschinerie scheint ausgeschlossen. In diesem Lager, wo alle um das nackte Überleben kämpfen, muß doch jeder Ansatz von Zärtlichkeit im Keim ersticken. Doch wir werden Zeugen des Unmöglichen. Selbst in dieser Hölle gibt es Liebe, Gefühle, die für Momente die Flucht aus dem Wahnsinn ermöglichen. Max und Horst führen einen so atemberaubenden intensiven Dialog miteinander, in einer mit elektrischem Stacheldraht umgebenen Welt, dicht bei der Leichengrube erleben sie die Liebe bis zum Orgasmus.
Doch niemand überlebt. Horst wird erschossen, Max geht freiwillig in den Tod. Er wirft sich in den Stacheldrahtzaun. Vorher hatte er die Jacke seines Freundes angezogen. So stirbt er als Schwuler, nicht als Jude.
Das Stück war von strapazierender Unerträglichkeit. Ich erfuhr sinnlich den Wahnsinn von eintöniger und stupider Arbeit, die im Hin- und Herschleppen von Steinen bestand, und das zwölf Stunden täglich, jahrelang, bis zur völligen physischen und psychischen Vernichtung. Ausgeliefertsein, Brutalität, Tod. Deutsche Vergangenheit in unserem Innersten verankert. Es war kein Theaterstück mehr, sondern ein langer fürchterlicher Alptraum. Deshalb gelang mir auch der Beifall am Ende nicht, ich war erschrocken über das Klatschen der Zuschauer im Theater.