HuK Startseite

  HuK-Archiv: Texte des Monats  

[Letzte Aktualisierung: 02.04.2002 ]

HuK-Startseite

Archiv: TdM

Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK) e.V.

Aus dem HuK-Archiv: Text des Monats Februar 2000

 

Der folgende Text soll ohne große Erklärung auskommen. Er erschien anonym unter der Rubrik 'Sozialprotokoll' in der Zeitschrift Publik-Forum und schildert in der Form des Selbstbekenntnisses Unruhe und Unzufriedenheit eines bisexuellen Mannes.

Aus der Zeitschrift Publik-Forum Nr. 20, 5. Oktober 1984, S. 7.

Zerrissen zwischen Mann und Frau

Ich möchte schreien, laut hinausschreien, daß ich gelähmt bin: zwischen Mann und Frau. Bisexuell. Unglücklich, weil ich nicht weiß, wer ich bin. Hin- und hergerissen, gepeinigt von der Unsicherheit, Ungesichertheit meiner Identität.

Ich bin ein Mann. Ich mag Frauen. Ich möchte eine Frau "haben", lieben. Frauen sind mir nicht gleichgültig. Und doch: Immer wieder sticht sie ins Herz, die Gestalt eines Mannes, das heiße Begehren, die tiefe Sehnsucht.

Ich möchte einen Freund lieben, ganz. Und ich möchte es auch wieder nicht. Denn ich sehne mich nach einer Frau, suche ihre Wärme, weiß um die Geborgenheit, die ich als Mann bei ihr finde.

Hingezogen zum Mann, hingezogen zur Frau. Beides ganz, beides halb, nichts von beidem: Ich bleibe allein.

Ja, ich habe Männer geliebt und Frauen; habe Freundschaft gesucht und gegeben. Es waren Momente des Glücks, und sind es auch heute, kurz und immer bedroht. Momente aber auch der Hilflosigkeit, der Zerrissenheit.

Aufgewachsen in der beklemmenden Enge des katholischen Milieus, blieb ich mit meinem "Leben" allein. Verflucht die Bereitschaft, zu vertrauen - damals. Ich wurde enttäuscht. Die Wunde sitzt tief. Verflucht die "guten Ratschläge", hilflosen Mahnungen, die Formeln, Drohungen: Sie spiegeln Angst, Ratlosigkeit, Hilflosigkeit, auch Herzenshärte. Was haben sie alle für eine Ahnung von dem, was Leben heißt! Von Gott geschenktes Leben! Das verläuft nicht so geradlinig, so stereotyp, wie es in den Moral- und Dogmatikbüchern steht. Ach Gott, sollen sie doch schweigen!

Gott? Ich glaube an ihn. Aber Gott ist fern, meist. In meiner Not bete ich nicht zu ihm. Aber ich glaube. Merkwürdig.

Jahre habe ich mich mit meinen Neigungen, auf der Couch des Psychiaters. Gestellt habe ich mich ihnen, Nächte geflucht und geweint. Warum, warum?

Heute weiß ich um mich, kenne mich. Zerrissen bin ich noch immer. Heimat? Wo finde ich sie? Finde ich sie überhaupt? Ich kämpfe - und resigniere. Stehe wieder auf. Frau oder Mann? Ich weiß es nicht.

Manchmal finde ich es ja schön, Frauen und Männer lieben zu können, auch körperlich. Da werden, gerade auch mit Männern, Begegnungen möglich, die tiefer gehen, die die Oberfläche durchdringen. Doch meist siegt die Angst. Und ich lügte mir etwas vor, wenn ich sagte: Schön so, ist doch alles okay, was willst du also mehr?

Wanderer bin ich geblieben bis heute - zwischen zwei Welten. Ich komme nicht zur Ruhe. Ich habe mich noch nicht. Der Schmerz zieht noch immer durch meinen Körper. Ich verzehre mich - und weiß nicht wohin. Ich bin noch nicht Ich. Werde ich es jemals sein?

N. N.