Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK) e.V.
Die meisten Fachtheologen sind sich einig: Zur Beurteilung von dem,
was wir heute Homosexualität, homosexuelle Erotik und Liebe nennen,
trägt die Geschichte von Sodom und Gomorra eigentlich nicht bei.
Trotzdem wird sie immer wieder angeführt, sogar in dem ganz offiziellen
römisch-katholischen
Weltkatechismus,
herausgegeben unter der Leitung des damaligen Präfekten der Glaubenskongregation,
des früheren Theologieprofessors und
heutigen Papstes Benedikt XVI. Er sollte es eigentlich besser wissen.
Deshalb hier doch noch einmal in Kürze das, was zu "Sodom und Gomorra"
gesagt werden kann und sollte.
Was steht in der Bibel wirklich zu Sodom und Gomorra?
Von Reinhold Weicker, Paderborn
Kurze Antwort:
Bei der bekannten Erzählung in Gen. 19 (1. Mose 19)
handelt es sich um eine versuchte Vergewaltigung (von Männern an Männern,
an Boten Gottes).
Als biblische Aussage zu dem, was wir heute als Homosexualität / homosexuelle Erotik /
homosexuelle Liebe
bezeichnen, nicht relevant; wir könnten die Bibel also wieder zuklappen.
Lange Antwort:
Wir sollten doch nicht gleich die Bibel zuklappen, sondern wir sollten
einmal den Versuch machen, systematisch alle Stellen der Bibel
kurz zu lesen, an denen das Wort "Sodom" auftritt.
Das geht heutzutage mit Computer-Hilfe sehr einfach:
Man nehme eine der verschiedenen im Web vorhandenen "Bibel-Text-Suchmaschinen",
z.B.
http://www.bibel-online.net,
und gebe dort den Suchbegriff "Sodom" ein.
(Im Zeitalter vor dem Computer gab es dafür gedruckte Bücher, "Konkordanzen".)
Gesucht wird bei dieser Webseite in der Luther-Übersetzung; andere
Bibel-Ausgaben im Web basieren auf anderen Sprachen oder Übersetzungen.
Angezeigt werden nicht weniger als 48 (!) Stellen, die meisten im Alten Testament.
Interessant ist:
- Dass Sodom als Inbegriff für "sündige Stadt" galt, steckt hinter fast
allen Nennungen. Ein Beispiel von vielen:
"Aber die Leute zu Sodom waren böse und sündigten sehr wider den HERRN." (Gen. 13,13)
Was das sündhafte Verhalten ist, wird an den meisten Stellen nicht
explizit genannt.
-
Die "Sodom-Erzählung" (Gen. 19) findet man natürlich auch: Die Einwohner von Sodom
bedrängen Lot, er solle seine Gäste (die Boten Gottes) herausgeben, damit an
ihnen ein gewaltsamer Sexualverkehr vollzogen werden kann. (Der sexuelle Akt wird,
wie auch an anderen Stellen im AT, in alten Bibelausgaben umschreibend
"Erkennen" genannt. Eine neuere Übersetzung sagt "... dass wir uns
über sie hermachen").
Die Boten sagen Lot, dass der Untergang der Stadt beschlossen sei:
"... wir werden diese Stätte verderben, weil das Geschrei über sie groß ist
vor dem HERRN; der hat uns gesandt, sie zu verderben."
Was die spezifische Sünde war, warum "das Geschrei ... groß" war (offenbar
schon vorher), ist auch hier nicht genannt (siehe oben, Kapitel 13).
- Beim Propheten Hesekiel wird etwas genannt, was mit sexuellem
Fehlverhalten gar nichts zu tun hat:
"Siehe, das war die Schuld deiner Schwester Sodom: Hoffart und alles in
Fülle und sichere Ruhe hatte sie mit ihren Töchtern; aber dem Armen und
Elenden halfen sie nicht, ..." (Hes. 16,49)
Ähnlich beim Propheten Amos, in seiner Rede an die schwelgerischen Frauen
in Samaria:
"... Ihr fetten Kühe, die ihr auf dem Berge Samarias seid und den Geringen
Gewalt antut und schindet die Armen und sprecht zu euren Herren: Bringt her,
laßt uns saufen! ... Ich richtete unter euch Zerstörung an, wie Gott
Sodom und Gomorra zerstörte, daß ihr waret wie ein Brandscheit, das aus
dem Feuer gerissen wird; dennoch bekehrt ihr euch nicht zu mir, spricht
der HERR." (Amos 4,1 und 11)
- Für Christen interessant: An drei der fünf Stellen, an denen Jesus Sodom nennt
(z.B. Mt. 11,14-15), nennt er die Stadt als Beispiel für Ungastlichkeit,
für Nicht-Aufnehmen von Boten Gottes:
"Und wenn euch jemand nicht aufnehmen und eure Rede nicht hören wird, so
geht heraus aus diesem Hause oder dieser Stadt und schüttelt den Staub
von euren Füßen. Wahrlich, ich sage euch: Dem Land der Sodomer und
Gomorrer wird es erträglicher ergehen am Tage des Gerichts als dieser Stadt."
Von sexuellem (Fehl)Verhalten ist hier weit und breit nicht die Rede.
An den anderen zwei Stellen spezifiziert auch Jesus nicht genauer,
worin die Sünde Sodoms bestanden hat.
- Erst in einem späten Brief im Neuen Testament (Judas 1,7) ist von "Unzucht"
die Rede und von "anderem Fleisch nachgegangen" (Engel als verbotene
Sexualobjekte? Männer als verbotene Sexualobjekte?)
Im Verlauf der Kirchen- und Geistesgeschichte ist diese letztere Deutung dann
die vorherrschende geworden, z.B. war in altem Englisch "Sodomit" die
Bezeichnung für Homosexuelle. Mit der Gesamtaussage der biblischen Autoren
hat das aber wenig zu tun; und die Aussage "Sodom zeigt doch, dass die Bibel
Homosexualität verurteilt" ist einfach nicht haltbar.