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  Pressemitteilung (24.06.1999)  

[Letzte Aktualisierung: 30.04.2002]

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Aktuelle Themen

Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK) e.V.

Kirchentag 1999: Wieviel Beziehung braucht der Mensch?

Lebensformen auf dem Prüfstand des Evangelischen Kirchentages

HuK-Pressesprecher Kirchentag

Dr. Wolfgang Schürger, Mathildenstr. 26, 90489 Nürnberg

Tel./Fax: 0911/5819613, e-mail: fh102@fen.baynet.de

Pressemitteilung vom 24. Juni 1999

KirchentagsteilnehmerInnen würdigen die Vielfalt menschlicher Lebensformen
Bischöfin Jepsen: Luther heute ernst zu nehmen, bedeutet, Menschen in Lebensformen größtmöglicher Verbindlichkeit zu segnen
Volker Beck (DIE GRÜNEN) als Vertreter der "Neuen Mitte"?
Eigenständige Ethik gleichgeschlechtlicher Lebensformen nötig

Wie bezeichnet man eine Frau, die ein Kind hat, das sie zusammen mit ihrer Nachbarin und Freundin erzieht, und die in einer Wohngemeinschaft lebt? "Alleinerziehende Mutter", wie es die Moderatorin Sandra Maischberger versuchte, fand Caroline Schmidt-Gross jedenfalls recht unzutreffend. Dem Publikum, dessen Andrang die Alte Reithalle in Stuttgart kaum gewachsen war, wurde auf diese Weise schnell klar: Beziehungsformen sind vielfältiger als man denkt!

Die Veranstaltungen der Ökumenischen Arbeitsgruppe "Homosexuelle und Kirche" (HuK) während des Stuttgarter Kirchentages stellten "Lebens-Uni?-Formen" auf den Prüfstand: Wieviel Beziehung braucht der Mensch?

Die Berliner Sozialwissenschaftlerin Gesine Hefft führte eindrucksvoll vor Augen, wie die Vielfalt heute gelebter Beziehungsformen die Veränderung ökonomischer und politischer Veränderungen widerspiegelt: der Entkoppelung und Entinstitutionalisierung im geopolitisch- wirtschaftlichen Bereich entsprächen neue Beziehungsformen "mit ihren jeweiligen Leistungsfähigkeiten und Leistungsgrenzen". Die Kirchen würden ein enormes Zukunftspotential verspielen, wenn es ihnen nicht gelänge, diese neuen Lebens- und Beziehungsformen in ihren Stärken ernst zu nehmen: aus dem gegenseitigen Austausch könne eine neue Beziehungskultur erwachsen.

Maria Jepsen, evangelische Bischöfin von Hamburg, betonte die theologische Bedeutung solch einer Beziehungskultur: "Der Mensch ist kein Einzelwesen, das sich selbst produziert und genügt. Gott will seit Anbeginn der Welt, daß Menschen in Beziehungen leben." Dabei ließen sich die biblischen Geschichten nicht als Vorbild für die monogame Ehe deuten. Diese Form habe sich erst im Verlauf der Geschichte entwickelt und könne nicht als Sakramente verstanden werden. Zu Recht habe sie daher Martin Luther als "weltlich Ding" bezeichnet. Zur Zeit der Reformation habe Luther die Ehe allen ans Herz gelegt, weil er erkannt habe, daß Menschen nicht ohne Beziehungen leben können. Auch heute noch, so Jepsen, verdiene die Ehe eine hohe Wertschätzung, da sie die größtmögliche Form gegenseitiger Verantwortung darstelle. Jedoch: "Hat Luther die Ehe ein weltlich Ding genannt und sie allen ans Herz gelegt, so sollten wir heute sagen: wo Menschen einander lieben, mit größtmöglicher Verbindlichkeit, da gibt Gott seinen Segen hin."

In den evangelischen Kirchen, so wurde deutlich, finden sich immer mehr Pfarrerinnen und Pfarrer, die diese Auffassung der Hamburger Bischöfin teilen. Mit lesbischen und schwulen Paaren feiern sie Gottesdienste, in denen sie um diesen Segen bitten. Offiziell allerdings sind solche Segnungs-Gottesdienste noch in allen Landeskirchen umstritten. Zu spüren war auf den Veranstaltungen des Kirchentages von diesem Streit jedoch wenig.

Ganz anders, wenn es um die politische und rechtliche Anerkennung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften geht: Christina Schenk, parteilose Abgeordnete im Bundestag für die PDS, erntete heftigen Widerspruch von ihrer CDU-Kollegin, als sie forderte: "Jede und jeder muß seine Wahlverwandtschaft frei benennen und eintragen lassen können!" CDU-Frau Ursula Heinen fand diesen Vorschlag "schlicht und einfach bescheuert". Keine Beziehungsform dürfe diskriminiert werden, aber eine rechtliche und finanzielle Besserstellung verdiene allein die Ehe, "weil dort in der Regel Kinder möglich sind". Volker Beck, der die grüne Forderung nach einer eingetragenen Lebenspartnerschaft mit gleichen Rechten und Pflichten vertrat, fand sich da unversehens als Vertreter der "Neuen Mitte" wieder!

Anhänger hätte solch eine "Neuen Mitte" genug – zumindest unter dem Publikum: mit überwältigender Mehrheit verabschiedete es eine Resolution, in der die Bundesregierung aufgefordert wird, die Ungleichbehandlung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften zu beenden und ein Rechtsinstitut zu deren Absicherung einzuführen (s. Pressemitteilung des Deutschen Evangelischen Kirchentages vom 17. Juni). Privatrechtliche Regelungen z.B. des Zeugnisverweigerungsrechtes, so hatte Volker Beck vorher erklärt, seien entgegen der Meinung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) nicht möglich. Diese hatte solche Regelungen 1996 in ihrer Orientierungshilfe "Mit Spannungen leben" vorgeschlagen.

Eingetragene Lebenspartnerschaften – und damit also doch gleichgeschlechtliche Paare erster und zweiter Klasse? Nicht für die HuK: Segnungsgottesdienste dürften keinesfalls an eine bestimmte Rechtsform der Partnerschaft gebunden werden und auch promiske Lebensformen befänden sich nicht in einem "ethikfreien" Raum. Allen Beteiligten des Forums "Ethik der Promiskuität" war freilich deutlich anzumerken, daß es sich bei diesem Thema um Neuland theologischer Ethik handelte: Wie kann Promiskuität christlich verantwortet gelebt werden? Auch hier erwies sich zunächst das genaue Hinsehen auf die Vielfalt der Formen als hilfreich – und in seiner Vorurteilslosigkeit als befreiend. Christlich gelebte Promiskuität, so zeichnete sich dann in der Diskussion ab, bedeute, bei sexuellen Abenteuern oder in offenen Beziehungen allen PartnerInnen gerecht zu werden und verantwortlich miteinander umzugehen. Erfahrungsberichte machten deutlich, daß dieser ethische Anspruch vor allem dann nicht leicht zu verwirklichen ist, wenn die Partnerinnen und Partner unterschiedliche Vorstellungen von Beziehung mitbringen. Andreas Rupich zum Beispiel erzählte: "Für eine ehemalige heterosexuelle Partnerin war es sehr schwer zu verstehen, daß ich mich als Bi-Mann nicht nur zu ihr, sondern auch zu anderen Männern hingezogen fühlte."

Dann nicht lieber gleich ein Ende aller ethischen Ideale? Barbara Kittelberger, AIDS-Seelsorgerin am Schwabinger Krankenhaus in München, verneint dies: "Das ist für mich gerade das Entscheidende an der christlichen Botschaft, daß Gott mich und eine jede und einen jeden annimmt, auch wenn ich gescheitert bin oder Fehler gemacht habe. Daß Schuld vergeben werden kann und vergeben wird, das ist für mich ganz wichtig, wenn ich z.B. mit einem AIDS-Kranken spreche, der obwohl er von seiner Infektion wußte, ungeschützen Verkehr hatte und sich jetzt Vorwürfe macht. Da müssen wir über Schuld sprechen, aber da muß ich auch den Menschen annehmen können, gerade weil Gott ihn annimmt. Nur so werde ich ihm und Gott gerecht."

Auch Martin Steinhäuser, Autor des Buches "Homosexualität als Schöpfungserfahrung" plädierte für eine ethische Durchdringung gleichgeschechtlicher Lebensformen. Er betonte, wie wichtig dabei das genaue Hinsehen sei: "Viele Formen haben sich ja erst nach der gesetzlichen Liberalisierung 1969 entwickeln können. Wir kennen sie noch kaum und müssen erst einmal genau wahrnehmen, wie Menschen da leben. Gleichgeschlechtliche Lebensformen sind daher wirklich ein eigenständiges Thema christlicher Ethik."

"Ihr seid das Salz der Erde", so lautete das Motto des Kirchentages. Die HuK hat ihn mit ihrem Programm sicher nicht versalzen. Aber sie hat deutlich gemacht: Die Kirchen werden dort Salz der Erde sein können und dem Leben Würze geben, wo sie Menschen in der Vielfalt ihrer Lebensformen gerecht werden und ihnen Mut zum Leben machen.