HuK-Startseite

  Pressemitteilung (24.06.1999)  

[Letzte Aktualisierung: 30.04.2002]

HuK-Startseite

Aktuelle Themen

Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK) e.V.

AIDS - ein Segen für die Kirche?

HuK-Pressesprecher Kirchentag

Dr. Wolfgang Schürger, Mathildenstr. 26, 90489 Nürnberg

Tel./Fax: 0911/5819613, e-mail: fh102@fen.baynet.de

Pressemitteilung vom 24. Juni 1999

Podiumsdiskussion "AIDS und Kirche" auf dem Stuttgarter Kirchentag

Ein HIV-Infizierter ruft bei seinem Pfarrer an, bittet um einen Besuch. "Nein, Sie sind viel zu jung, zu Ihnen komme ich nicht, ich muß mich um meine Alten kümmern!" – Ein schwuler Mann erkrankt an AIDS, kann zu einem bestimmten Zeitpunkt seinen Beruf nicht mehr ausüben. Der Gemeindepfarrer kennt ihn als Mitarbeiter und besucht ihn im Krankenhaus. Er ermutigt ihn, in der Gemeinde noch aktiver als bisher mitzuarbeiten, sobald dies seine Gesundheit erlaubt. Beide planen kurz darauf eine Konfirmandenfreizeit, die sie gemeinsam betreuen wollen. Entsetzen im Presbyterium: "Unsere Kinder sollen mit einem AIDS-Kranken ein Wochenende verbringen!?"

Lebenszeugnisse zweier Gäste, in denen AIDS und Kirche eher als "unselige Verbindung" erscheint, so wie es im Programm des Kirchentags-Zentrums der Ökumenischen Arbeitsgruppe "Homosexuelle und Kirche" zu lesen war. Doch die Münchener AIDS-Seelsorgerin Barbara Kittelberger und ihre Kolleginnen und Kollegen in anderen Landeskirchen sind überzeugt: "Die Kirchen verlieren an Lebendigkeit und an Weltbezug, wenn sie die Lesben und Schwulen und vor allem auch die HIV-Positiven und AIDS-Kranken verlieren." Leben und Tod nämlich lägen für HIV-Positive und AIDS-Kranke eng beieinander. Mit einem Mal werde daher die Frage nach dem Leben angesichts des Todes nicht mehr nur ein Thema für alte, sondern gerade auch für junge Menschen. "Als AIDS-Infizierter", so sagt Thomas Niederbühl, Geschäftsführer der Münchener AIDS-Hilfe und schwules Mitglied des Stadtrates, "muß ich mich von einem Tag auf den anderen mit dem Gedanken an den Tod auseinandersetzen – und dann, wenn ich es gelernt habe, mit dem Tod im Leben umzugehen, merke ich auf einmal, daß ich aufgrund der verbesserten Therapie-Möglichkeiten noch Jahre zum Leben habe. Ein Leben nach dem Tod bereits in diesem Leben, sozusagen."

Im Angesicht des Todes zu leben, bedeutet, das Leben neu und bewußter zu gestalten. Die Seelsorgerin Kittelberger und der Politiker Niederbühl sind sich darin einig. Und Niederbühl weiter: "Als Stadtrat ist es meine Aufgabe, Lebensmöglichkeiten für AIDS-Infizierte und –Kranke zu schaffen, sie sozial abzusichern usw. Als Christ aber möchte ich in meiner Kirche Formen der Spiritualität entwickeln, die dieses Leben im Angesicht des Todes stützen und die die Lebensenergie zum Ausdruck kommen lassen, die Menschen in diesen Jahren nach ihrem positiven Testergebnis entwickeln. Eine Energie, in der der Segen Gottes spürbar wird – als Segen auch für die Kirchen."

Manche AIDS-Infizierte und Kranke haben eigene Gemeinden gebildet, um diese neue Spiritualität zu feiern. Andere, wie der eingangs erwähnte Jugendmitarbeiter, haben einfach die Gemeinde gewechselt – und wirken weiterhin zum Segen der Kirche!