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Rom will offiziell keine schwulen Priesteramtskandidaten -
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[Letzte Aktualisierung: 01.12.2005] |
Kardinal Meisner ist dafür bekannt, dass er markige Aussprüche lieber mag als die rationale Tradition der katholischen Theologie. Zum Thema „Homosexualität“ fiel ihm z.B. die kluge Sentenz ein: „Der Schöpfer hätte den Menschen anders konstruieren müssen, wenn auch solche Formen der Sexualität gedacht worden wären.“ (Kölner Stadtanzeiger, 10.2.1999) Unter den Theologiestudenten und Priestern seiner bisherigen Diözesen war und ist der Anteil „gleichgeschlechtlich veranlagter“ Männer kaum geringer als in anderen Bistümern der großen Weltkirche. Gleichwohl proklamiert er mutig, nur „gesunde“ heterosexuelle Kandidaten zu weihen. So hat es schließlich auch die Kongregation für Gottesdienst und Sakramentendisziplin am 16.5.2002 mit Dringlichkeit angeraten. Der Papst, so mutmaßte Vatikan-Journalist John Allen, könnte diese Weisung erneut aufgreifen und auf höchster Ebene autorisieren. Mit einer neuen Weisung des Vatikans vom November 2005 stehen nun alle homosexuellen Priesteramtskandidaten in der römisch-katholischen Kirche unter Generalverdacht.
Bezogen auf die Homosexualität von einfachen Gläubigen und den rechtlichen Schutz für dauerhafte gleichgeschlechtliche Partnerschaften etabliert Rom seit zwei Jahrzehnten exorzistische Beschwörungsformeln. Dabei gelten öffentlich anerkannte Paare gegenüber heimlichen und anonymen Sexszenen offenbar als das schlimmere Teufelswerk. Wörtlich ist die Rede von einer Schädlichkeit „für die gesunde Entwicklung der menschlichen Gesellschaft“, einer Gefahr für das „Gewebe der öffentlichen Moral“, einem Austritt aus der „gesamten moralischen Geschichte der Menschheit“ und einer „Auflösung des Menschenbildes“. Schließlich wird gar das „Böse“ angeführt, dem wir im Taufbekenntnis widersagt haben. Die mutmaßlichen „psychologischen Ursachen“ der Homosexualität sind auch nach römischer Ansicht ungeklärt. Dennoch weiß der Katechismus, dass es sich um eine „objektiv ungeordnete Neigung“ handelt. Während in den 1990er Jahren noch ein Kardinal Basil Hume sich sehr wohlwollend zur gleichgeschlechtlichen Liebesbegabung äußern konnte, stehen heute selbst moderate Ansätze einer von Respekt geleiteten Pastoral unter Beschuss. Unlängst hat der toskanische Bischof Simone Scatizzi Männerpartnerschaften gar in die Nähe von Mafia und Terrorismus gerückt. Er befürchtet einen „Schlag gegen die Männlichkeit“ und eine „Verweiblichung der Gesellschaft“.
Wirklich dringend ist der römischen Kirche anzuraten, die Fixierung auf das Thema Sexualität/Homosexualität aufzugeben und sich zumindest in Mäßigung zu üben:
1. Die überproportionale Gewichtung der Sexualität wirkt individuell als großes Hemmnis für den religiösen Reifeweg. Aus seiner Erfahrung im Beichtstuhl an einem Wallfahrtsort berichtet mir ein Seelsorger: „Die meisten Menschen mit ausgeprägten sexuellen Skrupeln sind unfähig, ihre Lieblosigkeit in Lebensbereichen wie Familie oder Beruf überhaupt wahrzunehmen.“ Ausgesprochene Sexualprediger sind in der Regel ebenfalls unfähig, über ihren persönlichen Glauben und das christliche Bekenntnis Bedeutsames mitzuteilen.
2. Für die Kirche ist es fatal, öffentlich vor allem als Kulturkämpferin gegen die sogenannte „Homoehe“, vorehelichen Verkehr etc. wahrgenommen zu werden. Von den wirklich drängenden Fragen zum Schutz des (Über-)Lebens, die gesellschaftlich und zivilisatorisch zu stellen wären, zeigen sich die lautesten Moralschützer auffällig unberührt. Ein Vergleich mit dem US-amerikanischen Fundamentalismus drängt sich geradezu auf.
3. Die Sündenbockstrategie gegenüber homosexuellen Mitmenschen widerspricht dem christlichen Ethos und verdeckt eigene Hilflosigkeit. Als bequemes Alibi verhindert das Homo-Feindbild, dass die Kirche bei der realen Krise verbindlicher Partnerschaftsformen in der Warenwert-Gesellschaft die Ursachen wahrnimmt und eine helfende Kompetenz entwickelt. Da pastorale Lernprozesse ausbleiben, konsultiert man bei Ehekrisen selbst im ländlichen Raum so gut wie nie den katholischen Seelsorger am Ort.
4. Auf die „Moral“ bzw. Berufsfreude vieler bewährter und guter Seelsorger kann sich das neue Signal aus Rom, das speziell homosexuelle Priester als „ungeeignet“ und irgendwie defekt diffamiert, nur fatal auswirken. Der Umstand, dass „nur“ die potentiellen Auszubildenden und nicht die im Amt befindlichen Priester angesprochen werden, ändert daran kaum etwas. Als Buchautor habe ich Zuschriften von schwulen Klerikern erhalten, die ihre zölibatäre Lebensweise ernst nehmen und römische Dokumente über „homosexuelle Personen“ als für sie äußerst deprimierend beschreiben. Welchen Dank und welche Art Hirtensorge erhalten diese Geistlichen, die oft über Jahrzehnte der Kirche ihren Dienst geschenkt haben, nun aus dem Vatikan?
5. Schließlich werden konstruktive Ansätze in der gegenwärtigen Priesterausbildung, die eine offene Auseinandersetzung mit der eigenen Sexualität fördern, durch Heimlichkeit und Denunziantentum ad absurdum geführt. Die jetzt ausdrücklich von Priesteramtsanwärtern verlangte Absage an die Räume der „Gay Kultur“ ist eine Ermutigung zu weiteren Geheimzirkeln. In diesen finden sich bislang vor allem schwule Theologen aus der traditionalistischen rechten Ecke zusammen. Ich selbst habe in Veröffentlichungen Missstände im Bereich schwuler Klerikerszenen beklagt. Doch alle Übel, die hier zu nennen wären, wurzeln nicht in der Homosexualität. Sie gehen ausnahmslos zurück auf Schizophrenien und Repressionen, die den unerlösten kirchlichen Umgang mit der Homosexualität betreffen. Die neue Weisung aus Rom wird nichts lösen, aber sie wird alle bedauernswerten Verhältnisse noch viel schlimmer machen.
6. Die gleichgeschlechtlichen Sex-Skandale von Würdenträgern gehen regelmäßig einher mit scharfen Diskriminierungsattacken der Kirchenleitung gegen alle Homosexuellen. In der Öffentlichkeit bestärkt dieses Vorgehen den Generalverdacht, die reine Männerkirche wolle durch aggressive Äußerungen nach außen hin von Vorgängen im Inneren ablenken. Im Ergebnis meinen immer mehr Menschen, zölibatäre Priester seien ohnehin schwul. Mit diesem Vor-Urteil sehen sich dann auch heterosexuelle Amtsinhaber konfrontiert.
7. Unter kirchlich loyalen Homosexuellen sind „Probleme“ im Feld gleichgeschlechtlicher Neigungen bekannt, die sich im Einzelfall auch auf hohe Kirchenränge beziehen. Die Frage stellt sich, welche Geduldsproben zunächst die innerkirchliche Loyalität an dieser Stelle noch aushält. Sicher ist, dass jede neue antihomosexuelle Kirchenkampagne die Medien noch stärker für interne Vorgänge sensibilisieren wird. Peinlichkeiten, die ein angeheizter Enthüllungsjournalismus auf die Tagesordnung setzen könnte, sollte man auch in Rom bedenken. Schon jetzt spekulieren bei öffentlichen Medienauftritten viele Zuschauer, welche Kleriker denn besonders „feminin“ auftreten oder mit eitlen Bekleidungsgewohnheiten das Klischee des homophil-klerikalen „Ästheten“ bedienen.
Viele kirchliche Komplikationen beim Thema Homosexualität wurzeln in dem Versuch, die eigene „Männlichkeit“ rechtfertigend unter Beweis zu stellen. Die katholische Kirche braucht für eine neue, entkrampfte Sichtweise dringend Priester, die offen und angstfrei homosexuell sein können, und sie braucht heterosexuelle Priester, die selbst nicht ständig dem Verdacht ausgesetzt sind, schwul zu sein. Die Zulassung bewährter verheirateter Männer zur Weihe wäre ein erster Schritt zur Abhilfe. Noch heilsamer würde es sich auswirken, wenn der unselige Zölibat ganz freigestellt wird und wenn Frauen ihre Erfahrungen innerhalb der Kirchenleitung auf jeder Ebene einbringen könnten. In einer von Frauen gleichberechtigt mitgestalteten Kirche des Evangeliums wäre die gegenwärtige Debatte überhaupt nicht vorstellbar. Denn: Die Angst vor der Homosexualität ist in erster Linie ein Problem reiner Männergesellschaften, sei es in Politik, Militär oder institutioneller Religion.
Der Verfasser, Peter Bürger, ist röm.-kath. Diplom-Theologe und Publizist. Zum Thema erschien 2001 im Verlag Publik-Forum sein Buch "Das Lied der Liebe kennt viele Melodien – Eine befreite Sicht der homosexuellen Liebe". Das Buch ist derzeit vergriffen, wird aber zu Ende 2005 neu aufgelegt.