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EKD-"Orientierungshilfe" |
[Letzte Aktualisierung: 30.04.2002] |
Die im März 1996 vom Rat der EKD veröffentlichte "Orientierungshilfe"
"Mit Spannungen leben" wurde in der Hoffnung formuliert, damit einen Beitrag zur Versachlichung der Diskussion
um das Thema "Homosexualität und Kirche" zu leisten - so schreibt sinngemäß der
EKD-Ratsvorsitzende, Dr. Engelhardt, in seinem Vorwort.
Nach eingehender Lektüre der von einer zehnköpfigen "Ad-hoc-Kommission" erarbeiteten
Schrift ist der Bundesvorstand der Ökumenischen Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche
(HuK) e.V. zu dem Schluß gekommen, daß der Text in seinem Tenor gerade dieser Aufgabe
nicht gerecht wird - trotz der vielen positiv zu vermerkenden Ansätze, die in ihm enthalten sind.
Wohl wissend, daß es sich bei einem von der EKD veröffentlichten Text immer nur um ein
Kompromißpapier handeln kann - sind doch die z.T. weit auseinanderlaufenden Haltungen der
einzelnen Gliedkirchen "unter einen Hut zu bringen" - möchten wir mit dieser Erwiderung unsere
in den wichtigsten Punkten widersprechende Haltung unterstreichen und dabei auf einige
Aspekte des EKD-Textes besonders eingehen.
Die EKD beschäftigt sich in ihrer "Orientierungshilfe" mit den in der Diskussion um das Thema
"Homosexualität und Kirche" wichtigsten Aspekten:
Es ist der EKD immerhin gelungen, einige Positionen in den Text einzuarbeiten, die in dieser Form bisher in ihren Verlautbarungen zu diesem Thema nicht zu lesen waren. Die in dieser Hinsicht wichtigste, ja fast schon revolutionäre Aussage ist: "Denjenigen, denen das Charisma sexueller Enthaltsamkeit nicht gegeben ist, ist zu einer vom Liebesgebot her gestalteten und damit ethisch verantworteten gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaft zu raten." [ 1 ]
Das ist -zumindest auf EKD-Ebene etwas Neues. Daß diese Aussage für lesbische und schwule kirchliche Amtsträger/ -innen (und hier in besonderem Maße für Pfarrerinnen und Pfarrer) nicht in gleichem Maße gilt, muß Bestandteil späterer Betrachtungen sein. Eingeschränkt wird diese Aussage jedoch durch die Postulierung einer Begrenztheit gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften gegenüber der heterosexuellen Ehe durch die fehlende Möglichkeit der Kinderzeugung, die für die EKD der einzige Punkt ist, der eine heterosexuelle von einer gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaft unterscheidet. Darauf und auf einer z.T. ungenauen, den Erkenntnissen der theologischen Forschung nicht gerade verpflichteten Auslegung der (ohnehin spärlichen) biblischen Aussagen zum Thema "Homosexualität" gründet die EKD ihr "Leitbild Ehe" und behauptet, daß gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften der heterosexuellen Ehe nicht gleichwertig seien. Auch dazu gibt es später noch einiges zu sagen.
Neu ist auch, daß für die EKD die Einstellung von Lesben und Schwulen als Pfarrerin oder Pfarrer - allerdings nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen - "nach gründlicher Prüfung in Einzelfällen" möglich ist [ 2 ]. Hier wird die bisherige inoffizielle Praxis einiger evangelischer Landeskirchen offiziell festgeschrieben. Eine generelle Öffnung des Pfarramts für Lesben und Schwule wird von der EKD allerdings weiterhin abgelehnt. Positiv ist uns auch aufgefallen, daß die EKD von dem "Eingeständnis und [der] Übernahme ihres Schuldanteils" [ 3 ] durch die Kirchen bezüglich ihrer Beteiligung an der Homosexuellenverfolgung durch die Jahrhunderte hindurch bis in die Gegenwart spricht. Ein solches Schuldbekenntnis auch wirklich zu formulieren, ging der EKD dann aber wohl doch zu weit.
Die EKD beschäftigt sich eingangs ihres Textes mit der Lebenssituation von Lesben und Schwulen und stellt dabei richtig fest, daß sich die Einstellung vieler Menschen zur Homosexualität in den letzten Jahren deutlich verändert hat in Richtung einer größeren Akzeptanz - und dies sowohl inner- als auch außerhalb der Kirchen. Dies führte dazu, daß es immer mehr Lesben und Schwule gibt, die ihre Lebensform öffentlich machen. In diesem Abschnitt kritisiert die EKD das gelegentlich "schrille" coming-out einiger, das die Akzeptanz nicht erleichtere. Was die EKD unter "schrill" versteht, legt sie nicht genauer dar; sie spricht jedoch davon, daß es "zu einem Abbau von Barrieren und zu größerer Akzeptanz homosexueller Menschen (...) nur kommen [kann], wenn alle Beteiligten Achtung voreinander walten lasssen" [ 4 ]. Die Verknüpfung mit dem "schrillen" coming-out läßt die Vermutung zu, daß es der EKD eher um die Achtung der Lesben und Schwulen vor der Bigotterie einiger Christinnen und Christen geht, als um die Achtung der heterosexuellen Mehrheit in der Kirche vor der Lebensweise der Lesben und Schwulen. Solche sprachlich-kontextuellen "Verirrungen" finden sich mehrfach in dem EKD-Text; wir haben diese beispielhaft herausgegriffen.
Es sollte auch der EKD klar sein, daß häufig eher die fehlende Achtung auf seiten der heterosexuellen Menschen ein Problem ist als bei Lesben und Schwulen! Einen besonderen Abschnitt widmet die EKD der aktuellen Diskussion innerhalb der Kirchen und weist dabei besonders auf die zu berücksichtigende Differenziertheit dieses Themas hin. Wichtig ist hierbei die Aufforderung an alle an der Auseinandersetzung Beteiligten, immer wieder zu prüfen, "ob sie nicht in der Gefahr stehen, den status confessionis im Blick auf eine Frage auszurufen, der diese Bedeutung von der Verkündigung Jesu und vom Gesamtzeugnis der Bibel her nicht zukommt" [ 5 ]. Eine deutlichere Formulierung war wohl nicht möglich.
Auch findet keine Erwähnung, daß eine große Anzahl lesbischer und schwuler Christinnen und Christen die evangelischen Kirchen schon längst verlassen haben und ihre - z.T. ganz spezifischen - Begabungen nicht mehr zur Verfügung stehen. Unter dem Aspekt der Frage der Homosexualität ist die Einheit der Kirche schon seit langem bedroht, gestört und beschädigt; und zwar mit jeder Lesbe und jedem Schwulen, die bzw. der der Kirche wegen ihrer ausdrücklich oder durch Unentschlossenheit ausgrenzenden Haltung den Rücken kehrt. Sich für die Einheit der Kirche einzusetzen heißt, sich gegen die Ausgrenzung zu wenden und die verdrängten Begabungen für die Kirche fruchtbar zu machen. In der Krise der Entscheidung unter der Drohung von Austritten ist dabei der jesuanischen Option für die Armen, an den Rand Gedrängten und Verfolgten zu folgen. Unter diesem Blickwinkel sollte die EKD einmal die Schismadrohung konservativ-evangelikaler Kreise betrachten, die den status confessionis am Thema Homosexualität ausrufen!
Anders als im vierten Teil kommen in diesem ersten Abschnitt der "Orientierungshilfe" jedoch die konkreten Lebenssituationen von Schwulen und Lesben nicht zur Sprache. Vielmehr referiert die EKD geschichtliche und sozialwissenschaftliche Erkenntnisse - allerdings nur, um zu dem Ergebnis zu kommen, daß diese "zweifellos eine gewisse Relevanz für die hier anstehende Urteilsbildung" besäßen, ihnen jedoch "für die theologische Urteilsbildung keine normative Bedeutung zuerkannt werden" könne [ 6 ]. Die damit aufgerissene Spannung von "gewisser Relevanz" und "keine normative Bedeutung" wird von den Autorinnen und Autoren nicht mehr weiter bearbeitet. Dies ist umso bedauerlicher, als in der weiteren Argumentation dann insbesondere das (humanwissenschaftliche!) Diktum von der pubertären Labilität und der in dieser Zeit möglichen homosexuellen Prägung zur Grundlage der theologischen Argumentation gemacht wird.
Es verstärkt sich damit der Eindruck, daß die "Orientierungshilfe" von einem Denkmodell geprägt ist, das die Theologie allen anderen Wissenschaften überordnet und von deren Ergebnissen nur übernimmt, was für die eigene Argumentation brauchbar erscheint. In weiten Kreisen der theologischen Wissenschaft wird dieses Überordnungsmodell heute als unredlich abgelehnt und durch ein interaktives Dialogmodell ersetzt. Eine allzu biblizistische Argumentation liegt der "Orientierungshilfe" (glücklicherweise) fern. Vielmehr macht sie sich die Einsicht Martin Luthers zu eigen, daß die ganze Schrift von Christus als der Mitte der Schrift her gelesen werden müsse [ 7 ].
Konsequent kommt sie daher zu dem Ergebnis, daß das für Jesu Verkündigung zentrale Liebesgebot nicht
nur für das Leben mit lesbischen und schwulen Menschen in der Gemeinde, sondern auch "für
die Gestaltung homosexuellen Zusammenlebens"
[ 8 ] gelten müsse.
Wie die konsequente systematisch-theologische Umsetzung dieser Erkenntnis hätte aussehen können,
läßt sich in dem Beitrag des renommierten Lutherforschers Wilfried Joest in dem Sammelband
"Was auf dem Spiel steht"
[ 9 ] nachlesen.
Leider haben die Autorinnen und Autoren der
"Orientierungshilfe" diesen Sammelband offenbar nicht einmal zur Kenntnis genommen!
Die "Orientierungshilfe" fällt statt dessen hinter ihren hermeneutischen Spitzensatz zurück, indem sie
dieses nach dem Liebesgebot zu gestaltende homosexuelle Zusammenleben mit dem
Bekenntnis zum Fortbestand der negativen Aussagen zur homosexuellen Praxis kontrastiert -
mit der abschließenden Folgerung, "daß für die Gestaltung einer homosexuellen (wie jeder
anderen zwischenmenschlichen) Beziehung entscheidend ist, ob sie in Liebe zu Gott und den
Menschen gelebt wird"
[ 10 ].
Soll dieser Absatz mehr darstellen als einen reinen Pleonasmus,
dann muß man feststellen, daß die "Orientierungshilfe" hier eine Erklärung schuldig bleibt, wie in
der von ihr geforderten Beziehungsgestaltung homosexuelle Praxis und homosexuelle Beziehung
auseinanderzuhalten sind. So rächt sich hier, daß die Autorinnen und Autoren es versäumt
haben, sich im ersten Teil wirklich umfassend, unter Berücksichtigung der Lebensverhältnise
gelebter schwuler und lesbischer Beziehungen mit dem Phönomem Homosexualität
auseinanderzusetzen, und im zweiten, biblischen Teil nach den Erscheinungsformen von
Homosexualität zu fragen, die die jeweiligen Texte im Blick haben. (Wie eine solche
Rückfrage aussehen könnte, ist ebenfalls in dem erwähnten Sammelband nachzulesen.)
Vermutlich hätten auch die Autorinnen und Autoren der Orientierungshilfe dann feststellen
müssen, daß diese Texte gelebte homosexuelle Beziehungen kaum im Blick haben (konnten).
Vollends problematisch aber erscheint aus reformatorischer Sicht das die "Orientierungshilfe" prägende Eheverständnis. Offenbar um deren Andersartigkeit und Höherwertigkeit gegenüber jeder homosexuellen PartnerInnenschaft zu betonen, wird die "Generativität" als ihr zentrales Merkmal herausgehoben. Allein die Tatsache, daß in einer heterosexuellen Ehebeziehung neues Leben entstehen könne, stelle den wesentlichen Unterschied zu einer homosexuellen PartnerInnenschaft dar. Dieser aber sei so zentral, daß sich "homosexuell geprägte Menschen" nicht persönlich an dem Leitbild der Ehe ausrichten könnten und auch nicht dürften. Dieser Unterschied allein mache es unmöglich, "die gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaft als gleichrangiges oder gar überlegenes Leitbild zu propagieren" [ 11 ]. Konsequenterweise müssen in homosexueller PartnerInnenschaft lebende Pfarrerinnen und Pfarrer daher zumindest die Ausnahme, Segnung homosexueller PartnerInnenschaften (pardon: der sie vollziehenden Menschen) im "Schutzraum" einer begrenzten Öffentlichkeit bleiben. Eine derart starke Betonung der Fortpflanzungsfunktion der Ehe ist der protestantischen Tradition zum größten Teil fremd gewesen. Vielmehr betonte auch die EKD in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder, daß die Ehe als "leiblich-seelische Einheit von Mann und Frau, die zu einem Stück unverlierbarer Lebensgeschichte der beiden Ehepartner wird", "ihren Sinn in sich selbst hat" - auch wenn aus ihr keine Nachkommenschaft entspringen kann [ 12 ].
Während der nachkonziliare Katholizismus versucht, die Fortpflanzungszentrierung der Ehe zumindest zu verringern
[ 13 ], befindet sich die
"Orientierungshilfe" auf dem besten Weg, diese um der Unterscheidbarkeit der Ehe willen in die
protestantische Ethik einzuführen! Neben dieser katholisierenden Sicht des Verhältnisses
zwischen heterosexuellen und homosexuellen Lebensgemeinschaften spielen in der
"Orientierungshilfe" "Ehe und Familie als soziale Leitbilder" eine gewichtige Rolle. Die
Autorinnen und Autoren leiten diese aus ihrer Feststellung ab, daß "das biblische Menschenbild
auf Ehe und Familie hingeordnet ist"
[ 14 ].
Soziales Leitbild für das Zusammenleben vonMenschen, auch unter dem Aspekt der
Sexualität und Generativität, ist jedoch aus der Sicht
des christlichen Glaubens Jesus Christus! Er gebot uns zu lieben. Dadurch werden alle Normen
erfüllt, damit ereignet sich der wahre Gottesdienst, dadurch vollzieht sich die Barmherzigkeit.
Ob wir dafür heiraten und Kinder aufziehen oder nicht, war Jesus egal. Abschließend sei an
dieser Stelle die Handreichung der Nordelbischen Ev.-Luth. Kirche zitiert: "Aufgrund dessen,
was die biblischen Grundaussagen, die Aussagen Luthers und der Bekenntnisschriften zum
Ausdruck bringen, ist es Aufgabe der Kirche, uneingeschränkt Ja zur Ehe und zu der
besonderen Bedeutung, die ihr zukommt, zu sagen. Das bedeutet aber nicht, daß die Ehe als
Maß aller Lebensformen angesehen werden muß. Und deshalb braucht das Ja zur Ehe nicht
mit einer Abwertung anderer Lebensformen einherzugehen. Es gilt vielmehr, im Blick auf
andere Lebensformen Maßstäbe zu formulieren, mit deren Hilfe die je eigene Bedeutung dieser
und jener Lebensform bestimmt werden kann. (...) Die Lebensform an sich gibt keine Auskunft
über Glück oder Unglück eines Menschen und ebenso wenig über dessen Bereitschaft, für
andere und für die Gesellschaft Verantwortung zu übernehmen."
[ 15 ]
Hätte doch nur die EKD diesem Thema mit ähnlicher Offenenheit begegnen können!
Dieses Kapitel gipfelt nach einigen Vorbetrachtungen in den sog. "Verträglichkeitskriterien", die anzuwenden sind, wenn es um die - allerdings nach Auffassung der EKD nur in Einzelfällen mögliche - Einstellung einer Lesbe oder eines Schwulen als Pfarrer/ -in geht. Gerade dieses Kapitel macht es uns sehr schwer, in der "Orientierungshilfe" einen Beitrag zur Versachlichung der Diskussion zu sehen. Zunächst ist davon der "Vereinbarkeit von Intimität und Taktgefühl" [ 16 ] die Rede. Die Kommission stellt unmißverständlich fest, daß niemand das Recht habe, "über das Sexualleben eines Amtsinhabers Auskunft zu verlangen oder dieses auszuforschen" [ 17 ]. Das ist lobenswert, wird jedoch gleich wieder relativiert: Reichlich nebulös wird da verlangt, daß kirchliche Amtsträger/-innen ihr "...Sexualleben [nicht] durch Verhalten oder Worte (faktisch) zu einem Inhalt ihrer Verkündigung machen" [ 18 ] dürfen.
Die Autorinnen und Autoren der "Orientierungshilfe" bleiben
im gesamten Text die Verhältnisbestimmung von gelebter PartnerInnenschaft/ Beziehung und
praktizierter Sexualität schuldig. Insbesondere in diesem Abschnitt aber kommt es aufgrund der
fehlenden Begriffsbestimmung zur völligen Verwirrung:
"Intimität ist ein Wesensmerkmal menschlicher Sexualität"
[ 19 ], heißt es dort.
Dies wird niemand bestreiten, und daß auch Pfarrerinnen oder Pfarrer ein Anrecht auf die Wahrung
der Intimität ihres Sexuallebens haben (egal, ob hetero- oder homosexueller Art), ist eine nahezu
banale Feststellung. Was aber heißt es, wenn die "Orientierungshilfe" davor warnt, daß das
Sexualleben nicht durch Verhalten oder Worte zu einem Gegenstand der Amtsführung gemacht werden dürfe
[ 20 ]? Da wahrscheinlich
auch kein schwuler Pfarrer und keine lesbische Pfarrerin auf die Idee kommen wird, vor
versammelter Gemeinde Sexualverkehr zu haben, kann dies ja nur so verstanden werden, daß
hier nicht die Sexualität (deren Intimität berechtigterweise zu wahren ist), sondern die
PartnerInnenschaft an sich gemeint ist.
Dann aber würden sich die Autorinnen und Autoren der "Orientierungshilfe" in der Quadratur des
Kreises versuchen, wenn sie einerseits für alle homosexuellen Christinnen und Christen
(also auch die Amtsträgerinnen und -träger) eine verantwortliche Gestaltung ihres Zusammenlebens
gemäß des Liebesgebots fordern, auf der anderen Seite aber feststellen, daß die
"gelebte [nun eben nicht:] Sexualität [sondern PartnerInnenschaft] (...) keine Öffentlichkeit"
[ 21 ] verträgt. Verborgenheit und Heimlichtuerei
sind einer verantwortlichen Gestaltung von PartnerInnenschaft sicher nicht zuträglich.
Wird das Existenzrecht von homosexuellen Christinnen und Christen in den Gemeinden bejaht und
werden sie zu einer verantwortlichen Gestaltung ihrer PartnerInnenschaften aufgefordert, so
heißt dies für die Gemeinden, daß sie sich an das öffentliche Auftreten lesbischer und schwuler
Paare werden gewöhnen müssen. Ein solches Auftreten (im Gottesdienst, beim Gemeindefest,
etc.) ist dann beileibe kein Zur-Schau-Stellen der eigenen Sexualität, sondern Teil der
verantwortlichen Gestaltung des gelebten Alltags - und dies unabhängig von der Aufgabe in der
Gemeinde. Die "Orientierungshilfe" weist außerdem darauf hin, daß homosexuelle Pfarrer/-innen
bezüglich des Umgangs mit Kindern und Jugendlichen mit Befürchtungen der Eltern
"im Blick auf die Gefahr der Verführung oder Beeinflussung (...) entgegengebracht werden"
[ 22 ] könnten.
Es wäre wünschenswert gewesen, wenn die EKD sich eindeutig gegen die These von der Verführbarkeit
zur Homosexualität gestellt hätte. Vielleicht hat sie dies nicht getan, weil sie
dieser These nach wie vor anhängt!?
In einem weiteren Absatz widmet sich die Kommissionder "Vereinbarkeit mit Bekenntnis und Lehre" [ 23 ]. Dort ist von der "Begrenztheit der homosexuellen Form des Zusammenlebens" die Rede, die lesbische und schwule Pfarrer/-innen anzuerkennen haben. Außerdem sollen diese "darauf verzichten, die gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaft als gleichrangiges oder gar überlegenes Leitbild zu propagieren" [ 24 ]. Mit aller Entschiedenheit wenden wir uns gegen diese Forderungen!
Die theologische Herleitung des "Leitbildes Ehe", die die EKD vorgenommen hat, ist - wie wir
bereits festgestellt haben - in höchstem Maße angreifbar. Lesben und Schwule erleben sich -
wenn sie die Möglichkeit haben und in der Lage sind, ihre Homosexualität offen zu leben -
nicht als defizitär und sind es nach unserer Auffassung auch objektiv nicht, wird die
katholisch-biologistisch anmutende Argumentationsschiene der EKD mit ihrer Reduzierung auf die Generativität
verlassen, dem einzigen Punkt, der laut "Orientierungshilfe" eine homo- von einer heterosexuellen PartnerInnenschaft
unterscheidet, dort aber über Gebühr hervorgehoben wird. Ganz im Gegenteil empfinden Lesben und Schwule es
als befreiend und beglückend, wenn sie nach ihrem coming-out in der Lage sind, so zu leben, wie sie es sich
vorher erträumt haben. Sie fühlen sich, wie es im Bericht eines schwulen Mannes im Arbeitsheft
"Farbe bekennen" heißt, "wie ein neuer Mensch, (...) ich habe meine Ganzheit, meine Drei-Einheit
gefunden: zu der Seele und dem Geist endlich auch den Leib"
[ 25 ]. Menschen, die es so weit
gebracht haben (meist ohne die Hilfe der Kirche!), können auch beglückende, ethisch
verantwortete PartnerInnenschaften eingehen, die denen der heterosexuellen Mehrheit in nichts
nachstehen. (Daß auch Lesben und Schwule durchaus - zumindest biologisch - in der Lage
sind, Kinder zu zeugen, auf die Welt zu bringen und auch aufzuziehen, ist der EKD offenbar gar
nicht in den Sinn gekommen; es sei hier am Rande erwähnt.)
Die EKD sei beruhigt; es wird wohl kaum Lesben und Schwule geben, die ihre Lebensform als überlegenes
Leitbild propagieren wollen.
Gleichwohl muß hier mit aller Deutlichkeit festgestellt werden, daß wir die gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaft als der heterosexuellen gleichrangig ansehen.
Die Argumentation der EKD, die genau dies in Abrede zu stellen versucht, hat uns nicht überzeugt; im Gegenteil, wir sind der Meinung, die besseren Argumente auf unserer Seite zu haben. Im Gegensatz zu Teilen der EKD geht die Phantasie von Lesben und Schwulen nicht so weit, ihre Lebensform heterosexuellen Menschen - die ja, wie allgemein bekannt sein sollte, nicht zur Homosexualität verführt oder gar erzogen werden können - aufzuzwingen! Leitbild kann die homosexuelle PartnerInnenschaft also nur für andere Lesben und Schwule sein; und es gibt viele, die sich ein solches Vorbild gewünscht hätten, als sie ihr coming-out durchlebt haben.
Im Rückgriff auf die Thesen der Arnoldshainer Konferenz betont die "Orientierungshilfe"
die Bedeutung eines umfassenden Verständnisses von Segen:
"Der alles tragende Segen in den lebensförderlichen Gütern ist Gottes Gegenwart selbst."
Das segnende Handeln der Kirche stelle den Zuspruch von "Gottes Geleit und Beistand" dar - insbesondere
an den verschiedenen (!!) Übergangspunkten des Lebens
[ 26 ].
Geht man davon aus, daß wir menschlichen Wesen (egal, ob hetero- oder homosexuell liebend) auf Gemeinschaft
angewiesen und auf Gemeinschaft hin angelgt sind, so wird man - auch aufgrund der
Voraussetzungen der Teile 1-3 der "Orientierungshilfe" - ohne weiteres davon ausgehen
können, daß eine gelingende PartenerInnenschaft zweier schwuler oder lesbischer Menschen
solch ein "lebensförderliches Gut" darstellt, in dem mit dem Geleit und Beistand Gottes
gerechnet werden darf. Auch Übergangspunkte wie Zusammenkommen zur Gemeinschaft,
Altern und Sterben kommen hier in den Blick.
Die "Orientierungshilfe" freilich verschließt sich
solchen Überlegungen, indem sie das weite Arnoldshainer Segensverständnis im nachfolgenden
Abschnitt sofort wieder einschränkt: Gesegnet werden kann danach nur, wo die Fülle aller für
das menschliche Leben wesentlichen Funktionen gegeben ist.
Eine dreifache Widersprüchlichkeit bedarf hier der Klärung:
Erstens scheint hier das "Leitbild Ehe" seines eschatologischen Vorbehaltes beraubt zu sein. Die Bedeutung des segnenden Handelns in seinem Bezug auf die vorletzten Dinge (oder mit Bonhoeffer: auf das Natürliche) wäre genauer zu betrachten.
Zweitens wäre der Widerspruch zu klären (oder aufzulösen) zwischen der Weite und Vielfalt des segnenden Handelns, wie es in 6.2 zum Ausdruck kommt und der Engführung in 6.3.
Drittens schließlich wäre zu fragen, wie denn das segnende Handeln der Kirche allgemein zu beurteilen ist: Tritt etwa auch im Dienst der Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorsteher, die in öffentlichen Gottesdiensten für ihr Amt gesegnet werden, oder im Spiel des Fußballvereins, der anläßlich des öffentlichen Einweihungsgottesdienstes des neuen Vereinsheims unter das Geleit Gottes gestellt wird, die "Fülle der für das menschliche Leben wesentlichen Funktionen" zutage?
"Partnerschaftssegnung ist kein Sakrament. Diese Segnung läßt sich mit anderen Amtshandlungen vergleichen. Menschen, die sich an einem besonderen Punkt ihres Lebens befinden, möchten sich ihres Glaubens vergewissern, aus ihm schützenden und kräftigenden Zuspruch für ihr Leben erfahren und ein Zeugnis ihres Glaubens geben. (...) Die Kirche hat bei ihren Amtshandlungen Menschen im Blick, die in der Gemeinde ihren Glauben bekennen und aus ihm heraus Kraft und Hoffnung gewinnen wollen. Für Lesben und Schwule hat Segnung als kirchliches Handeln keine andere Bedeutung. Sie wollen öffentlich ihren Glauben bezeugen; sie erklären sich bereit, diesem Glauben in ihrer Partnerschaft Raum zu geben und auf ihm ihre Beziehung zu begründen. Sie erfahren Gottes Zuspruch und die Anerkennung ihrer Partnerschaft durch die Gemeinde. Sie erkennen an, daß sie nicht allein aus sich selbst heraus das Gelingen ihrer Partnerschaft erreichen können, sondern dazu Gottes Beistand und Schutz bedürfen. Es gibt keinen Grund, warum die Kirche dieses verweigern sollte. Die Partnerinnen oder Partner werden Gott anbefohlen und ermutigt, nach dem Willen Gottes für ihr Leben zu fragen. Die Kirche hilft ihnen damit, ihren Lebensweg in der christlichen Gemeinschaft zu meistern. Es handelt sich also um seelsorgerliches Handeln in liturgischer Form und mit öffentlichem Charakter. Der Ort dieser Kasualhandlung ist der Kirchenraum als sichtbarer, erfahrbarer Ort christlicher Gemeinschaft." [ 27 ] Hier können wir der Argumentation der EKD nicht folgen.
Kritik an dieser Schrift hat es von allen Seiten gegeben; daß auch die Evangelikalen sich an vielen Positionen reiben, ist für uns der Beweis für die Progressivität derselben. Trotzdem haben Lesben und Schwule keinen Grund, sich zufrieden zurückzulehnen. Viele Fragen sind offen geblieben oder von der EKD nur unzureichend beantwortet worden.
Trotz einiger positiv zu bewertender Ansätze können wir in
dem EKD-Text keine Hilfe zur Orientierung sehen; deshalb verwenden wir auch die
Anführungszeichen beim Wort "Orientierungshilfe".
Es ist uns nicht entgangen, daß die EKD hier erstmals nicht mehr von der Homosexualität als einer Krankheit
spricht. Die Verfasserinnen und Verfasser der "Orientierungshilfe" haben immerhin grundsätzlich - wenn
auch nicht generell - die Einstellung lesbischer Pfarrerinnen bzw. schwuler Pfarrer für möglich
erachtet - ein Schritt, der bereits seit Jahren nötig war. Auch die Tatsache, daß eine
homosexuelle Lebensgemeinschaft grundsätzlich bejaht wird, geht über das hinaus, was die
EKD bisher zu diesen Themen geäußert hat. Bedauerlich, an vielen Stellen ärgerlich, ist, daß
diese positiven Ansätze sofort durch Bedingungen oder Einschränkungen relativiert werden.
Einige sehr subtil angebrachte Unterstellungen grenzen jedoch bereits an Diskriminierung (der
die EKD doch eigentlich eine Absage erteilt); sie machen auch die Angst deutlich, die in der
EKD bei der Bearbeitung dieses Themas immer noch vorherrschen muß. Es ist auch deutlich
geworden, daß die Kommission, die dieses Papier erarbeitet hat, von der Lebenswelt von
Lesben und Schwulen kaum etwas verstanden hat (was kaum Wunder nimmt, hat sie doch in
eineinhalb Jahren sich nur einen Nachmitag zum Gespräch mit Lesben und Schwulen Zeitgenommen).
Was das Eheverständnis der EKD angeht, so können wir nur hoffen, daß in den Gliedkirchen die Alarmglocken schrillen; vor allem in denen, die in der jüngeren Vergangenheit sehr lesenswerte Handreichungen zu diesem Thema herausgebracht haben. Wenn Frau Schwinge als Mitverfasserin der "Orientierungshilfe" in einem Zeitungsinterwiew sagt, daß homosexuelle "Pastoren (...) sich damit künftig zu ihrer Lebensform bekennen" [ 28 ] könnten, dann fragen wir sie, ob sie sich der Bedeutung der von ihr mitformulierten "Verträglichkeitskriterien" überhaupt bewußt ist! Weder für schon im Amt stehende noch für angehende lesbische Pfarrerinnen oder schwule Pfarrer ist es einfacher geworden, sich zu ihrer Homosexualität zu bekennen. Ganz im Gegenteil müssen sie weiterhin mit Repressionen rechnen - eine Möglichkkeit, auf die vielleicht auch einige "mit Spannung" gewartet haben.
Zum Glück kann dieses Papier keinen Anspruch auf Verbindlichkeit erheben. In vielen Gliedkirchen ist die Diskussion schon viel weiter. Die HuK hat auch immer wieder die Erfahrung gemacht, daß durch den persönlichen Kontakt in den Gemeinden eine Annäherung zwischen hetero- und homosexuellen Christinnen und Christen möglich ist, die uns hoffen läßt, daß der Einfluß der "Orientierungshilfe" dort, wo es diese Kontakte gab und gibt, gering sein wird. Bedenklich ist allerdings, daß es Evangelische Landeskirchen gibt, die mangels eigener Beschäftigung mit dem Thema sich an der EKD orientieren wollen.
Die EKD und ihre Gliedkirchen werden sich weiterhin mit den Themen und Fragen und Forderungen lesbischer Christinnen und schwuler Christen auseinandersetzen müssen; die HuK ist allerdings nicht bereit, auf der Grundlage eines antiquierten und obendrein katholisierenden Eheverständnisses und der von lesbischen Pfarrerinnen und schwulen Pfarrern verlangten Selbstdiskriminierung mit kirchlichen Gremien zu diskutieren. Wir warten weiter mit Spannung auf die Öffnung der Kirchen für lesbische und schwule Menschen, und es sind immer noch viele (wenn auch nach dieser "Orientierungshilfe" wieder einmal weniger als vorher), die sich aktiv in diesen Prozeß einmischen werden.
Göttingen, am 3.11.1996
Der Bundesvorstand der Ökumenischen Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK) e.V.
Carsten Ertl, Ruth Hannemann, H.-J. Brüser, Johannes Thier
[ 1 ] "Mit Spannungen leben" - EKD 1996, S. 35
[ 2 ] a.a.O., S. 43
[ 3 ] a.a.O, S. 6
[ 4 ] a.a.O, S. 7
[ 5 ] a.a.O., S. 9
[ 6 ] a.a.O., S. 11
[ 7 ] a.a.O., S.14
[ 8 ] a.a.O., S. 21
[ 9 ] "Was auf dem Spiel steht", Barbara Kittelberger et al., München 1993
[ 10 ] "Mit Spannungen leben" , S. 21
[ 11 ] a.a.O., S. 45
[ 12 ] Denkschrift zu Fragen der Sexualethik, EKD 1971, Nr. 20 und 27
[ 13 ] vgl. Humanae Vitae von 1968, Nr. 11 (Denz.4475)
[ 14 ] "Mit Spannungen leben", S. 16
[ 15 ] "Ehe, Familie und andere Lebensformen" NELK, 1996, S. 22 u. 47
[ 16 ] "Mit Spannungen leben", S. 43
[ 17 ] a.a.O., S. 44
[ 18 ] a.a.O., S. 44
[ 19 ] a.a.O., S. 44
[ 20 ] a.a.O., S. 44
[ 21 ] a.a.O., S. 44
[ 22 ] a.a.O., S. 44
[ 23 ] a.a.O., S. 45
[ 24 ] a.a.O., S. 45
[ 25 ] "Farbe bekennen - Ein Projekt für Ihre Gemeinde",
HuK, 4.überarbeitete Auflage 1/ 94
[ 26 ] "Mit Spannungen leben", S. 51 f.
[ 27 ] Handreichung zur Partnerschaftssegnung, HuK 1996, S. 4
[ 28 ] s. Kölnische Rundschau, 15.3.1996