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Riga Pride 2006: Ein Bericht aus der zweiten Reihe |
[Letzte Aktualisierung: 10.12.2006] |
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Auf den Webseiten der HuK haben wir schon verschiedene Berichte und Materialien zu den Ereignissen in Riga/Lettland am 22. Juli 2006, so dass ich zunächst zögerte, einen eigenen Bericht hinzuzufügen. Die lettische Gruppe Mozaika, die die Tage, mit anderen zusammen, organisiert hat, hat aber um solche Erlebnisberichte gebeten, sie sammelt sie auf ihrer Webseite Chronologie der Freundschafts-Tage. Deshalb hier der folgende Bericht "aus der zweiten Reihe".
Ich war privat nach Lettland gekommen, ich war nicht einer der prominenten "Solidaritäts-Gäste" aus dem politischen Bereich: Abgeordnete des EU-Parlaments oder andere Menschen aus dem öffentlichen Leben (z.B. der stellvertretende Bürgermeister von Amsterdam). Es war aber auch nicht nur privat: Ich war schon vorher, im Mai 2006, in Lettland gewesen, zur Jahrestagung des Europäischen Forums Christlichen Schwulen- und Lesbengruppen, als Vertreter der Gruppe "Homosexuelle und Kirche" (HuK), der ältesten christlichen Schwulen- und Lesbengruppe in Deutschland. Diese Verbindung vom Mai-Besuch her brachte uns die Planungen für den CSD 2006 in Riga (dort unter der Bezeichnung "Riga Pride") besonders nahe, und mehrere Personen vom Europäischen Forum entschlossen sich, nach Riga zu kommen, darunter der Co-Präsident des Forums, Arthur Thiry aus Schweden, und eben ich. Wir wollten an den "Friendship Days" teilnehmen und bei der "Riga Pride Parade" unsere Solidarität zeigen.
Ich war am Donnerstag abend angekommen, hatte einen der Filme der schwul-lesbischen Filmtage angesehen, und hatte an einem Workshop teilgenommen. Am Nachmittag des 21. Juli schloss ich mich einem Stadtrundgang durch die Altstadt Rigas an. Einer von uns war ständig mit seinem Handy am Telefonieren und versuchte, zu erfahren, wie es bei der Gerichtsverhandlung über die Demonstration, die für den nächsten Tag geplant war, stand. Die negative Entscheidung, das Verbot der Parade, löste große Enttäuschung aus, wie ich beim abendlichen Empfang im Reval Hotel Latvija merkte.
Ich war im Mai schon zweimal in der anglikanischen Kirche gewesen ( Bild 17, damals aufgenommen nach dem Festgottesdienst anlässlich der Forum-Tagung) und kam von einer christlichen Gruppe. So war es ganz normal, dass ich am Morgen des 22. Juli zum CSD-Gottesdienst ging, der ersten der Veranstaltungen dieses Tages. Ich freute mich, Freunde wiederzusehen, unter ihnen Maris, den schwulen Pfarrer, der von seiner lutherischen Kirche exkommuniziert worden war, den Gemeindepfarrer der anglikanischen Gemeinde St. Saviours, Dr. Juris Calitis, und Arthur aus Schweden. Ich war ein bischen erschöpft wegen einer Magenverstimmung vom vorigen Abend (das hatte nichts mit Riga Pride zu tun), und ich musste mich öfters als normal hinsetzen. Der Gottesdienst lief in gutem Geist ab, ich drehte mich nicht zum Eingang hin um und rechnete einfach mit nichts Schlimmem. Ich war darauf gefasst, dass wir später auf Gegendemonstranten treffen würden - aber bei einem Gottesdienst, vor einer Kirche?
So war ich nicht unter den ersten, die die Kirche verließen. Als ich gehen wollte, kamen sie schon zurück - einige von ihnen mit Scheiße (ja, wörtlich Scheiße: Exkremente) an ihrer Kleidung, die auf sie geworfen worden war (siehe Bild 5). Wir wurden gebeten, zu warten und später zum Hinterausgang herauszugehen. Es war eine eigenartige Situation; wir standen im Keller der Kirche zwischen den Lebensmittelvorräten, die dort für die samstägliche Essensausgabe an arme Leute gespeichert werden. Schließlich kam die Polizei, nahm zwei Protestierer fest, die in der Nähe des Haupteingangs auf einen Mann einschlugen, und wir verließen die Kirche.
Wir gingen zum Auto von Andes und fuhren direkt zur Pressekonferenz. Die Ereignisse dort sind schon von anderen geschildert worden, ich brauche es nicht im Detail zu wiederholen: Wir betraten das Gebäude durch eine aufgewühlten Menge hindurch, die etwas rief, das ich meist wegen der fremden Sprache nicht verstand (Ich verstand allerdings die Worte "No Pride").
Nach einem schnellen Mittagessen kam ich frühzeitig zum Reval Hotel Latvija. Ich war nicht überrascht, auch dort wieder ein feindliche Menge zu sehen (Die Nachrichtenagentur AP schrieb in ihrem Bericht von 300 Protestierern), dazu ein massives Polizeiaufgebot. Leute schrieen mich an, aber ich wurde nicht körperlich angegriffen, wahrscheinlich weil die Polizei daneben stand. Später fragten mich Schwule, wie ich es hätte wagen können, den ganzen Tag in meinem HuK-T-Shirt (Bild 7) herumzulaufen. Ich mag naiv gewesen sein, aber später merkte ich, dass da auch Sprachschwierigkeiten eine Rolle spielten und mich sozusagen unkenntlich gemacht haben könnten: Das T-Shirt war von Weltjugendtag in Köln 2005; man musste Deutsch können, um die Worte auf der Vorderseite "Lesben und Schwule auch in den Kirchen" zu verstehen. Ich sah Protestierer auch innerhalb des Hotels (siehe Bild 9) aber meine mangelnden Sprachkenntnisse spielten mir wieder einen Streich: Ich fragte sie auf englisch, was die Aufschrift auf ihrem T-Shirt bedeutete (Später hörte ich: Es war das rote T-Shirt mit "Verteidigung der Ehe" darauf). Erst ihre Reaktion zeigt mir, auf welcher Seite sie standen: Eine von ihnen griff sich schnell das kleine Papier-Regenbogenfähnchen von meinem Rucksack, zerriss es, trampelte darauf herum und rief mir zu, ich solle Lettland verlassen. Später habe ich sie nicht mehr gesehen, sie waren wohl gegangen oder von Hotelpersonal hinausgewiesen worden.
In einem größeren Saal im Hotel fand dann die Ersatzveranstaltung zur Riga Pride Parade statt, mit ca. 250 Teilnehmern. Die Stimmung war großartig, ebenso die Beachtung, die die Veranstaltung bei den Medien fand. Ich brauche nicht zu wiederhole, was andere darüber schon berichtet haben. Weil ich immer noch etwas schwach auf den Beinen war, und die Rednerliste lang, verließ ich die Veranstaltung früher als andere.
Dadurch kam ich wohl früher als andere zum Hoteleingang. Viele TV-Kameras, viele Protestierer draußen. Ich beantwortete (auf englisch) die Fragen von mehreren Reportern - ich bin ja schließlich Pressesprecher der HuK. Dadurch bekamen auch die Protestierer mit, auf welcher Seite ich stand, und schrieen noch lauter. (Und die Fernsehleute bekamen mehr Material für ihre Kameras; sie konnten die Menge in Rage filmen.) Ein Frau vom Hotel-Sicherheitspersonal zupfte mich am Ärmel und bat mich, hier jetzt nicht hinauszugehen. ich folgte ihr und ging für einige Minuten in das Hotel zurück. Dann ging ich auf der "Polizei-Seite" hinaus, diesmal unter Umgehung der Fernsehleute - ich hatte ja schon mit ihnen gesprochen. Einer der Potestierer merkte, dass ich Deutscher war; er konnte wohl etwas Deutsch und schrie mich an: "Brauchst du meine Kinder?" Er meinte wohl "Mißbrauchst du meine Kinder?": Ein Beipiel der Vorstellungen, die manche Leute dort von Schwulen haben. Ein Gespräch war nicht möglich, ich ging einfach weiter.
Später am Abend in einer Bar sprach mich der Barkeeper an "Ich habe dich im Fernsehen gesehen". Es war wohl das lettische Fernsehen, wahrscheinlich ohne weitere Worte, wahrscheinlich als Beispiel für ein Verlassen des Hotels zwischen der lauten Menge.
Wenn ich gewusst hätte, was ich jetzt in anderen Berichten gelesen habe, wäre ich vermutlich noch geblieben, aus Solidarität. Einige hundert Meter vom Hotel entfernt bot sich dann wieder das übliche Bild "Riga im Sonnenschein mit Touristen". Erst jetzt, nachträglich, weiß ich, dass durchaus noch Autos mit hasserfüllten Protestieren in der Stadt unterwegs waren. Ich lief einfach zu Fuß, alleine, und sah wohl halt nur wie einer der vielen Touristen aus.
Am nächsten Morgen musste ich zwischen der Pressekonferenz, die im Programm stand, und einem Gottesdienstbesuch entscheiden. Ich wählte den Gottesdienst, und das war auch gut so: Später hörte ich, dass die Pressekonferenz gestrichen worden war. Zunächst begegnete ich zufällig einem Mann, der sich als der Vorsitzende (des Kirchenvorstands?) einer lutherischen Gemeinde in Riga vorstellte. Er sagte mir stolz "Ich habe zu denen gehört, die die Petition gegen die Riga Pride Parade unterzeichnet haben!" und dann: "Aus dem Westen, aus Europa, kommen nur Schmutz und Unmoral. Wir müssen Lettland davon rein halten." (Später hörte ich, dass der Pfarrer dieser Gemeinde durchaus eine andere Position vertritt.) Als ich ihm von den Ereignissen des Samstags berichtete, fügte er hinzu, dass er Gewalt nicht befürworte, dass ich aber ein Sünder sei, und dass er nur für mich beten könne. Ein ernsthaftes Gespräch war nicht möglich.
Ich ging weiter, zur anglikanischen Kirche, zu deren regulärem Sonntagsgottesdienst. Ich fühlte, dass ich, obwohl ich keinen offiziellen Auftrag hatte, einfach Danke sagen sollte, nicht nur zu dem Pfarrer, Dr. Juris Calitis, sondern auch zur Gemeinde. Mir war klar, dass die Ereignisse vom 22. Juli diese Gemeinde noch mehr in das Rampenlicht gebracht hatte als sie ohnehin schon war, und dass Gemeindeglieder, die nicht so vertraut mit lesbisch-schwulen Angelegenheiten sind, vielleicht denken würden "Ist ja gut, wenn unser Pfarrer so offen seine Meinung sagt. Aber muss denn das alles sein, Polizei und Fernsehkameras um unsere Kirche herum? Können wir nicht eine ganz normale Gemeinde sein?" Ich dachte, er wäre gut, ihnen persönlich zu danken und ihnen zu versichern, dass ihre Haltung wirklich eine "prophetische Haltung" sei, wie sie für eine christliche Gemeinde sehr angemessen ist. (Diese Worte von der prophetischen Haltung las ich später auch im Gemeindebrief ihrer anglikanischen Schwestergemeinde Sherborne Abbey, den ich im Internet gefunden habe.)
Eine halbe Stunde vor dem Gottesdienst sah ich ein Polizeiauto; die Polizisten prüften die Lage (Bild 12). Nach enigen Minuten fuhr es wieder weg, alles war ruhig. (Nach dem Gottesdienst sah ich ein anderes Polizeiauto in der Seitenstraße; vielleicht war es die ganze Zeit über dageblieben.) Ich sprach mit einer Frau, anscheinend ein Gemeindeglied, die am Samstag vormittag auch vor der Kirche gewesen war und auch mit diesen übelriechenden Dingen beworfen worden war. Wenn ich sie richtig verstanden habe, dann sagte sie, dass ein Polizeiauto da gewesen sei (vielleicht zu Beginn des Gottesdienstes, als noch alles ruhig war) und dann weggefahren sei, ganz ähnlich wie ich es am Sonntag erlebte. Sie sagte mir, dass sie anschließend, bis etwa 15 Uhr, bei der Polizei gewesen sei und mit Dolmetschen geholfen habe: Nicht alle Zeugen sprachen lettisch, und nur wenige Polizisten englisch. Ein örtliches Fernsehteam war am Sonntag auch da, sie baten mich um ein Interview (in englisch), und sie hatten später ein Interview mit Juris Calitis. Dies werden sie wahrscheinlich gesendet haben, denn er sprach lettisch. Ich bin sicher, dass er die richtigen Worte gefunden hat (Bild 15).
Der Gottesdienst war so heiter wie er an dem sonnigen Morgen nur sein konnte. Allerdings erwähnte der Pfarrer in seiner Predigt auch die Ereignisse des Vortags und sagte, dass es, wenn nötig, auch die Aufgabe der Kirche sei, Mauern zwischen Menschen verschiedener Traditionen niederzureißen. Zwei kleine Mädchen wurden getauft; ich kann nur hoffen, dass sie in einem politisch freundlicheren, menschlicheren Lettland aufwachsen werden. Nachdem ich zum Schluss des Gottesdienstes, bei den Abkündigungen, meine Dankesworte gesagt hatte, sprachen mich mehrere Gemeindeglieder an. Eine von ihnen, die offensichtlich Mitglied der europäischen Synode der anglikanischen Kirche ist, sagte "Ja, wir wissen, dass unser Bischof etwas skeptisch war, was unsere Unterstützung für Lesben und Schule betrifft. Aber wir waren entschlossen, auf dem Weg weiterzugehen, den wir für richtig halten." Ich muss hinzufügen, dass in der Zwischenzeit, nach dem 22. Juli, der Bischof einen recht guten Brief an die Präsidentin von Lettland geschrieben hat.
Ich kann unseren lettischen Freunden und Freundinnen nur sagen: Versucht, Menschen wie die von St. Saviours als Freunde zu behalten, und versucht, mehr Freunde unter den Menschen guten Willens in Lettland zu gewinnen. Trotz der Enttäuschungen über einige Vorfälle am letzten Wochenende hat die Gemeinschaft der Schwulen und Lesben, der Bisexuellen und Transgender-Leute den Respekt von immer mehr Letten gewonnen. Auf jeden Fall hat sie meinen Respekt gewonnen!
Reinhold Weicker, Webmaster (www.huk.org) und Pressesprecher der Ökumenischen Arbeitsgruppe "Homosexuelle und Kirche" (HuK) e.V.