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Am Anfang war die Vielfalt ... |
[Letzte Aktualisierung: 21.10.2005] |
Am Wochenende 30.9.-3.10.2005 fand im Haus Neuland bei Bielefeld der erste Kongress zur Vernetzung christlicher Schwulen- und Lesbengruppen statt. Der folgende Bericht von Katrin Stückrath wurde ursprünglich für "Schlangenbrut", die Zeitschrift für feministisch und religiös interessierte Frauen, geschrieben.
Die christliche Lesben- und Schwulenlandschaft ist bunter als der Regenbogen! In Bielefeld trafen sich vom 30.9.-3.10.2005 rund 150 Vertreterinnen und Vertreter von 14 Organisationen. Die Bandbreite reichte vom Netzwerk katholischer Lesben, der ökumenischen HuK, den evangelischen Lesbenorganisationen LuK, LiK und Labrystheia über schwullesbische Gottesdienstgemeinden bis zu freikirchlich organisierten Gruppen wie der Metropolitan Church Community und QueerChrist. Erstmalig war auch das virtuelle Netzwerk Linet-C durch die leibliche Anwesenheit seiner „Netzmeisterin“ vertreten.
Da war es kein Wunder, dass Männer und Frauen anfangs ein bisschen „fremdelten“. Die
Schwulen staunten nicht schlecht über die starken Frauenfraktionen. Zum Glück gab es
genügend Zeit, sich langsam besser kennenzulernen, z.B. in den Workshops. In ihnen wurden
vielfältige Themen angeboten wie Sichtbarkeit in der Szene, Queer-Theologie, Coming Out
durchs Internet, Spiritualität für Transgender, die Situation von christlichen Lesben und
Schwulen in Europa, politische Perspektiven. Mögliche Vernetzungspunkte konnten auf diese
Weise ausgelotet werden. So werden in Zukunft Delegierte aller Gruppen durch eine
gemeinsame E-Group miteinander vernetzt sein und die Möglichkeit haben, sich bei aktuellen
Anlässen zusammenzutun, z.B. wenn es darum geht, eine Stellungnahme abzugeben, Termine
abzusprechen und gemeinsame Aktionen wie etwa zu den Kirchen- und Katholikentagen zu
planen.
Wieso kamen wir erst jetzt auf eine so simple Idee? Die Zeit wird nun als reif empfunden, um
nach den Ausdifferenzierungen der vergangenen Jahre wieder aufeinander zuzugehen. Ein
Grund dafür ist vermutlich, dass unsere Organisationen in den letzten Jahren personell
stagnierten und die Bereicherung von außen gebrauchen können. Außerdem sind wir
gemeinsam einfach stärker, z.B. in der Kirchenpolitik. Günstig wirkt sich auch das veränderte
gesellschaftliche Klima aus, so dass jetzt mehr Mut besteht, untereinander Informationen
weiterzugeben und in der Öffentlichkeit Gesicht zu zeigen. Allerdings – das wurde klar –
fühlen sich Lesben und Schwule in ihren jeweiligen Organisationen am wohlsten, und deshalb
sollen diese auch weiterhin bestehen bleiben.
Neben vielen Kontakten, die auf dem Kongress entstanden, wurden am Ende Aktionsfelder
für die konkrete Weiterarbeit sichtbar. Zum einen die Öffentlichkeitsarbeit. Als Werbung für
schwullesbische Aktivitäten beim Kirchentag 2007 in Köln wurde ein noch nie dagewesenes
Ereignis geplant: Beim Christopher-Street-Day 2006 soll ein Wagen mit Kirchentagsbannern
und Logos von allen schwullesbischen Gruppen im Umzug mitfahren. Vielleicht mit einem
Posaunenchor? Oder doch lieber mit christlicher Rap-Musik? Darauf dürfen wir gespannt
sein.
Ein weiteres Aktionsfeld ist die Verbindung zum Europäischen Forum christlicher Schwuler
und Lesben. Da das Europäische Forum seinen Schwerpunkt auf Menschenrechtsverletzungen
in den europäischen Kirchen legt, wurde eine Zusammenarbeit mit Amnesty International
konkretisiert. Um die zum Teil schockierenden Lebenssituationen in den ehemaligen Staaten
des Ostblocks kennenzulernen und Schwulen und Lesben von dort Mut zu machen, möchten
wir in Zukunft bei unseren Treffen immer Gäste von dort zu uns einladen.
Ein drittes wichtiges Projekt ist, auf längere Sicht ein gemeinsames Internet-Portal (Name:
„Kreuz und queer“?) aufzubauen. Man könnte es dafür nutzen, sowohl Informationen an
Externe weiterzugeben, z.B. regionale Angebote, als auch um intern Informationen
auszutauschen und zu archivieren.
Konkrete kirchen- und gesellschaftspolitische Aktionsfelder zeichneten sich hingegen für den
Moment nicht ab. Da von einer Großen Koalition wenig Unterstützung zu erwarten ist, sollten
wir zukünftig versuchen, unsere Position in der Öffentlichkeit durch Kooperation mit dem
Lesben- und Schwulenverband Deutschlands zu stärken.
Auf dem Kongress selbst waren die offenen Angebote für die persönliche Begegnung besonders wichtig. Dies geschah beim Chorsingen („Frauen- und Männerstimmen zusammen klingen einfach besser!“), bei kreativen Workshops und beim gemeinsamen Feiern, z.B. eines Gottesdienstes. Beim Gottesdienst mit Agapemahl zeigten sich die größten Differenzen, was wohl am Stellenwert des Abendmahls/der Eucharistie liegt. Für viele Mitglieder der HuK, die bei ihren Treffen eine ökumenische Mahlfeier halten, bedeutete das Agapemahl einen liturgischen Rückschritt. Dabei wird allerdings nicht bedacht, dass viele Lesben mit der traditionellen Liturgie des Abendmahls ihre Probleme haben, z.B. was die Sühnetheologie angeht. So erwies sich die Form des gemeinsamen Gottesdienstes als Baustelle, die wir noch bearbeiten müssen.
Ein Fazit vom Kongress formulierte ein Teilnehmer von der HuK folgendermassen: „Da kommt viel mehr zusammen, als wenn wir wieder alleine unser Süppchen gebrodelt hätten.“ Deshalb einigten wir uns auf einen neuen Kongresses voraussichtlich Anfang Oktober 2008. Wir wollen uns dann auf den Ökumenischen Kirchentag 2010 vorbereiten, um dort noch bunter, schöner und stärker zu erscheinen.